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Jakobsweg : Noch 2727 Kilometer bis nach Santiago

  • -Aktualisiert am

Der Weg ist schön, aber nicht so schön, dass man nicht weitergehen möchte Bild: Rainer Wohlfahrt

Gerade einmal 68 Menschen pilgerten 1970 nach Santiago de Compostela. 2006 waren es schon hunderttausend. Seit Hape Kerkelings Bestseller sind die Deutschen eine der größten Gruppen. Doch was erhoffen sie sich von diesem Massenbetrieb? Lisa Nienhaus war auf einer Teststrecke in Franken unterwegs.

          Beim allerersten Stempel gucken die Pilger noch etwas pikiert. Sie sind schließlich noch keinen einzigen Meter gelaufen, schon prangt der heilige Jakobus im Pilgerausweis, und der Ausweis verkündet optimistisch, man sei auf dem Weg von Würzburg nach Santiago de Compostela in Nordspanien - „a pie“, zu Fuß. Santiago, wo Jakobus nach Überzeugung der katholischen Kirche begraben liegt, ist mehr als 2500 Kilometer entfernt. Selbst schnellen Schrittes und ohne längere Rast benötigte man drei bis vier Monate, um das Ziel zu erreichen. So mancher Pilger fühlt sich gleich zu Beginn als Hochstapler, sind doch die kommenden fünf Tage auf dem fränkischen Jakobsweg von Würzburg nach Rothenburg ob der Tauber für viele der Teilnehmer an der Gruppenreise ein erster Versuch auf dem Jakobsweg.

          Das gilt nicht für Hildegard und Norbert Braun. Das Ehepaar aus Litzendorf bei Bamberg geht stramm voran durch das Maintal - rechts der Fluss, links die Schnellstraße, dazwischen vierundzwanzig Pilger auf dem Wege zu sich selbst, zu Gott und nach Ochsenfurt, zur nächsten Herberge. Die Brauns sind kirchlich engagiert und mit ihrer Gemeinde schon den ersten Abschnitt des Jakobswegs gelaufen, denn „der beginnt vor der eigenen Haustür“. Den zweiten Teil der Gemeinde-Pilgerfahrt haben die Brauns verpasst, nun holen sie ihn mit der Gruppe des Bayerischen Pilgerbüros nach. Der dritte Abschnitt steht noch in diesem Jahr an. Doch ob sie je in Santiago ankommen werden, wissen die Brauns nicht. „Wir haben einmal ausgerechnet, dass wir dann neunundachtzig Jahre alt wären“, sagt Hildegard Braun. Den Jakobsweg sehen sie als Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen, zu sich zu finden. Tiefe spirituelle Erlebnisse versprechen sie sich nicht.

          Zu Fuß kommt man nicht von der Stelle

          Die bleiben auch erst einmal aus. Nach einer Stunde des Gehens in geruhsamem Tempo folgen die erste Rast und das Gefühl des ans Auto gewöhnten Neupilgers, zu Fuß einfach nicht von der Stelle zu kommen. Nach wenigen Stunden bleibt dem einen die Luft weg, dem anderen schmerzen die Füße und den dritten drückt der Rucksack. Der sportliche Ehrgeiz schwindet. Man unterhält sich, erkundet die Gründe für die Teilnahme der Mitpilgernden. Noch ist die Zeit der inneren Einkehr nicht gekommen.

          Liegt bei den Pilgern zumindest angelesen auf dem Nachttisch. Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg”

          Nach einer Stunde fällt zum ersten Mal der Name Hape Kerkeling - und er wird uns auf dieser Reise nicht mehr verlassen. Bei fast allen Teilnehmern liegt der Langzeit-Bestseller „Ich bin dann mal weg“ zumindest angelesen auf dem Nachttisch. Eine Pilgerin hat von ihrer Schwester eigentlich ein gemeinsames Wellness-Wochenende geschenkt bekommen. „Aber ich wollte lieber auf den Jakobsweg, wie Hape Kerkeling“, sagt sie. Ihre Familien haben die Schwestern daheimgelassen.

          Hape Kerkeling als Symbol

          Hape Kerkelings Reise, was auch immer man unter literarischen Gesichtspunkten von ihr halten mag, ist ein Symbol: Pilgern ist in der säkularen deutschen Gesellschaft angekommen. Es geht eine Bewegung durch Europa, die mehr ist als der „Urlaubstrend des Jahres“, den Reiseveranstalter ausrufen, wenn sie vom Jakobsweg sprechen. Zahlreiche kleine Pilger-Rinnsale durchziehen Ost- und Mitteleuropa, vereinen sich in Frankreich zu Bächen, Flüssen, einem Strom, der in Spanien zu einer Welle anschwillt, die den heiligen Ort Santiago de Compostela überrollt. Im Sommer kommen mehr als achthundert Pilger am Tag in die Stadt.

          Noch 1970 hatten gerade einmal achtundsechzig Pilger im Jahr die letzten hundert Kilometer nach Santiago de Compostela zu Fuß, Fahrrad oder Pferd zurückgelegt. 1990 waren es schon knapp fünftausend. 2006 kamen allein aus Deutschland 8097 Menschen, insgesamt erreichten mehr als hunderttausend Pilger das Ziel in Nordspanien. Rückkehrer sprechen von einer Pilgerschwemme, warnen davor, bloß nicht diesen Sommer auf dem nordspanischen Jakobsweg zu gehen. Einsamkeit und innere Einkehr seien angesichts des Gedränges erschwert. „Gehen Sie lieber erst in Deutschland oder Frankreich“, sagt ein erfahrener Pilger. „Dort finden Sie noch Ruhe.“

          Einheit von Pilgern und Wein

          Beim Bayerischen Pilgerbüro stehen für den ersten Tag keine Stille und Selbstfindung auf dem Programm, sondern eine Weinprobe. Die Pilger sind sich nicht ganz einig, ob das zu ihrem Vorhaben passt, trinken den guten Tropfen in kleinen Schlucken und scharren mit den Wanderstiefeln. Dabei ist die Einheit von Pilgern und Wein eine Tradition, über die schon Wilhelm Busch bei der Beschreibung der Pilgerfahrt seiner frommen Helene spottete: „Hoch von gnadenreicher Stelle/Winkt die Schenke und Kapelle“. Häme fällt leicht und ist praktisch. Denn so vermeidet man, die wahren Beweggründe seines Pilgerns offenzulegen, über Gott und Selbstfindung zu sprechen, über Trauer und Dankbarkeit, Gemeinschaft und Einsamkeit.

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