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Jakob Augstein im Grünen : Die politischen Tugenden eines Gärtners

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Ein Plädoyer für den Zaun

Augstein bekennt sich zu vielen Eigenschaften, die die Elterngeneration insbesondere des linksliberalen Spektrums noch zu hinterfragen liebte, und sie liebte auch dieses Wort: hinterfragen. Er ist gerne Vorortbewohner, plädiert für den Zaun, selbst den Jägerzaun, als Bedingung aller Kultur, schätzt das Gespräch über Bäume und Stauden und versucht, indem er zu seinem objektiven Status als Bourgeois steht, den Grund und den Standpunkt zu finden, von dem aus er als Citoyen agiert.

Er ist kein Ort des Rückzugs, dieser Garten. Er wird heimgesucht von all denen, die ihn vorher genutzt haben, denn, so schreibt Augstein: „Alles, was hier war, ist immer noch da und behält seinen Platz, auch wenn es ihn gegenwärtig nicht einnimmt.“ Das ist nicht immer nur erfreulich: In einer östlichen Ecke des Gartens gräbt er, deutsches Schicksal, eine „schmale Zone schwarzer Schlacke“ aus und verzichtet lieber darauf, genauer hinzusehen.

So steht die Spurensuche am Beginn der Gartenarbeit, die bei der Planung für zukünftige Generationen noch lange nicht aufhört. Die Arbeit am Garten ist eine künstlerische und philosophische Tätigkeit, die keinen unmittelbaren Nutzen bringt, außer eben der Schönheit und der Erkenntnis.

Das eigene Gemüse, die eigenen Kräuter und Gewürze mögen andere preisen, Augstein hält nichts vom Selbstversorgergarten. Der Garten soll auch nicht, wie man es in den späten Gedichten Brechts herauslesen mag, zum Ort des Trostes und des Rückzugs werden, er ist im Gegenteil bei Jakob Augstein ein Sinnbild für die Vita activa.

Pelziger Belag auf dem Stein

Eine Pflanze braucht nur wenige Meter zum Wurzeln. So gesehen, ist der Boden „nur eine dünne Schicht Leben, ein Meter tief, ein pelziger, schimmeliger Belag auf dem kalten Stein des Planeten - alles, was wir haben.“

Die Gedanken zum Garten führen zu den letzten Fragen, manchmal auch ins Absonderliche. Augstein hegt eine Abneigung gegen Rittersporn und verachtet motorisierte Laubbläser. Er warnt: „Der Garten kann einen wahnsinnig machen.“ Aber er scheut den Kitschverdacht nicht, wenn es darum geht, das frühmorgendliche Licht über Norddeutschland zu beschreiben oder die Anmut einer von ihm bewunderten Blüte.

So wird dem Garten in ganzer Hemmungslosigkeit etwas gewidmet, das man früher gerne an untauglicheren Schauplätzen einforderte: das Engagement. Einer in historisch einmaligem Wohlstand hineingeborenen Generation, die sich oft noch bis ins Erwachsenenalter kindlicher Regression hingibt, auf augenblicklicher Wunscherfüllung besteht und den Geiz ehrt, empfiehlt er wahnsinnige Arbeit an oft undankbaren Böden, unberechenbaren Tieren und divenhaften Pflanzen.

Und es geht auch oft schief: Die Bauten am Teich enden im Fiasko und vor Gericht, die Fische erfrieren, stellenweise wird man an Flauberts Bouvard und Pécuchet erinnert, deren Gartenpläne in Fäulnis und Verderbnis enden. Am Ende steht noch mehr Arbeit oder das Schlimmste überhaupt: die Zeit ohne Arbeit, der lange Winter, in dem man vom Garten nur träumen kann.

Es ist eine Empfehlung auch für andere Bereiche, schließlich, schreibt Augstein, kommt man „beim Graben auf die besten Ideen“, worin die Neurowissenschaft ihm recht gibt. Wenn wir unser Land, wenn wir Europa so haben wollen, dass es uns hier gefällt, können wir uns Trägheit und Sparsamkeit mit unserem Einsatz nicht leisten.

Es gilt für den Staatsbürger das, was Augstein dem Gärtner mitgibt, der zweitausend Blumenzwiebeln zu pflanzen hat: „Am Ende wird es so sein, dass Sie es selbst tun müssen. Stellen Sie sich nicht so an.“

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