https://www.faz.net/-gqz-6xrth

Jakob Augstein im Grünen : Die politischen Tugenden eines Gärtners

  • -Aktualisiert am

Nichts ist gegeben: Der Boden muss untersucht und verbessert, die Pflanzen müssen gedüngt, gewässert und beschnitten werden, Unkraut und Schädlinge gilt es stets im Blick zu behalten, bis zum langen, traurigen Winter ist es eine reine Mühsal. Zwischendrin ist es allerdings auch hochkomisch. In einer Szene versucht die Gärtnersfamilie, an Frösche zu kommen, und verfällt auf den Plan, in einem Gartenmarkt aus den dortigen Schauteichen einige Kaulquappen zu entführen.

Da der Vater in seiner öffentlichen Rolle als Staatsbürger vor diesem Akt zurückschreckt, wird die strafunmündige Tochter vorgeschickt, die sich mit einem im Geschäft unerlaubt entliehenen Kescher am Rande des Teiches auf den Bauch legt und wartet. Der Vater wahrt Distanz - skandalöserweise bereit, im Notfall jede Bekannt- und Mitwisserschaft mit seiner quappenklauenden Tochter zu leugnen.

Es geht nicht ohne Risiko - das ist die inspirierende Botschaft des Buches. Und nicht ohne Blutvergießen: In kaum einer Tätigkeit darf der Mann noch so unangefochten zu seiner Männlichkeit stehen wie beim Holzhacken, stellt Augstein fest. Ungehemmtes Trinken, das Rasen sowie der wahllose Geschlechtsverkehr seien „ins Gerede“ gekommen, das Spalten großer Holzstücke zum Zwecke ihrer Verfeuerung im heimischen Kamin hingegen sei unbestrittene Männerdomäne. Der Gärtner bestellt sich ein tolles Handbeil bei Manufactum, freut sich daran und begibt sich mit Hingabe auf den Holzweg.

Schnaps auf die Wunde

Eines Tages dann haut er sich das Ding in einen Muskel oberhalb des Knies, lässt die erhebliche Wunde dann auch nicht fachgerecht versorgen, scheut also, männertypisch, den Arztbesuch, kippt stattdessen lieber ein Glas Kirschschnaps drüber. Später muss der Arzt die Wunde ausschneiden und der Patient ergeht sich in Reflexionen über Feldchirurgen und Triage.

Bei allem Fachwissen über die einzelnen Unterarten seiner Gartenpflanzen ist das Buch auch ein Zeugnis der Ratlosigkeit, des Zwangs zum permanenten Neubeginn, zur Selbsterfindung, was auch eine Aussage über die Vätergeneration zuvor ist. Das Buch ist ein botanischer Bildungsroman, die Entwicklung des inneren Gärtners, des Mann- und Vaterseins mit den Mitteln der Literatur und der Arbeit am Beet wie an der Staude.

Jahrhundertelang war der Umgang mit Pflanzen und Tieren eine Ressource des Überlebens, die in den Familien tradiert wurde. Oder man kannte jemanden, der sich auskennt. Montaigne wunderte sich schon im sechzehnten Jahrhundert darüber, dass er zwar vom Ertrag seiner Landwirtschaft lebe, selbst aber die elementarsten Kenntnisse vermissen lasse und einen Salat nicht von einem Kohlkopf unterscheiden könne. Heute ist solches Wissen an Experten und Firmen delegiert. Man kann es sich aber auch wieder aneignen. Augstein hat sich dafür entschieden, doch das steht nicht im Zentrum des Buches.

Wie Montaigne ist ihm der Garten ein Anlass zur Selbstreflexion, ein Ort der persönlichen Neuerfindung: „Der größte Teil der Gartenarbeit findet in Ihrem Inneren statt.“ Insofern ist das Buch ein Versuch, die sozialen Rollen als Mann mittleren Alters, als Vater und Bürger in der Rolle des Gärtners zusammenzuführen und natürlich diese auch zu transzendieren.

Weitere Themen

„Azor“ Video-Seite öffnen

Trailer (OmU) : „Azor“

„Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

Topmeldungen

Meghan und Harry bei Oprah : Sie zünden die Bombe

Meghan Markle und Prinz Harry setzen ihre Trennung vom britischen Königshaus groß in Szene. Das Interview mit Oprah Winfrey ist der Gipfel. Ein Royals-Experte befürchtet schon einen „Atomschlag“ gegen die Windsors.
Bremen: Heimat der Stadtmusikanten und Sitz der  Greensill Bank.

Das Greensill-Drama : Zinswetten auf Kosten aller

Internetportale wie Weltsparen haben das Geld ihrer Kunden an die angeschlagene Greensill Bank vermittelt. Nutzen sie die Einlagensicherung für ihre Zwecke aus?
Zielen auf den eigenen Kommandeur: KSK-Soldaten, die den Verlust von „Stolz und Ehre“ beklagen

KSK-Kommandeur Kreitmayr : Der General im Feuer

Markus Kreitmayr kommandiert und reformiert das KSK der Bundeswehr. Manche loben ihn, andere äußern anonym ihre Wut über den Brigadegeneral.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.