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Jahrhundertfotos : Das war der sozialistische Sonntag

Otto Haeckel: „Alte und neue Zeit.Kapitän Engelhard im Fluge über Johannisthal”, 1910 Bild: Stiftung DHM

Unser Gedächtnis, mit Schrift übersättigt, hat sich auf Fotos und Bilder umgestellt. Diesem Umstand trägt das Deutsche Historische Museum Rechnung: Es besitzt etwa 1,7 Millionen Negative und vierhunderttausend Ausdrucke. Jetzt zeigt es seine Sammlung zum zwanzigsten Jahrhundert.

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          Manchmal genügt eine Kleinigkeit, um ein Bild aus der Masse herauszuheben. Auf Ursula Johanna Litzmanns 1947 entstandener Fotografie einer Mutter und ihres kleinen Sohns im Flüchtlingslager von Uelzen ist es der feuchte Schimmer, der sich über die Wange des Kindes zieht. Der Junge hat geweint; deshalb wirkt sein Gesicht lebendiger als vergleichbare Kinderporträts.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein anderer Junge, aufgenommen von derselben Fotografin, liegt schlafend zwischen zwei Geschwistern und den Eltern auf einem engen Bett. Dass solche Illustrationen die Erzählungen von damals ersetzen, ist eine bequeme Lüge, denn wer Genaueres über das Nachkriegselend wissen will, muss immer noch in Archive und Bibliotheken gehen. Aber es sind die Fotos, nicht die Berichte, die bleiben. Unser Gedächtnis, mit Schrift übersättigt, hat sich auf Bilder umgestellt.

          Der Eindruck ungebändigter Fülle

          Dieses kollektive Bildergedächtnis will die Ausstellung ansprechen, mit der das Deutsche Historische Museum in Berlin seine Fotosammlung präsentiert. Schon kurz nach seiner Gründung fing das Museum an, systematisch Negative und Prints von deutschen Fotografen anzukaufen. Die erste große Erwerbung war 1990 das Archiv Gerhard Gronefelds, der als Propagandafotograf im Zweiten Weltkrieg angefangen und mit seiner Aufnahme von Erschießungen im serbischen Pancevo ein zentrales Bildmotiv der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ geliefert hatte.

          Otto Haeckel: „Alte und neue Zeit.Kapitän Engelhard im Fluge über Johannisthal”, 1910 Bilderstrecke

          Ihm folgten Bestände der Agenturen Schirner und Schostal, des Raumbild-Verlags Schönstein, der Gebrüder Haeckel, der DDR-Chronisten Martin Schmidt und Kurt Schwarzer und vieler anderer Fotokünstler. Heute besitzt das DHM mehr als 1,7 Millionen Negative und vierhunderttausend Ausdrucke, zu denen noch elfeinhalbtausend Stereoglasdias aus dem einstigen Kaiserpanorama kommen.

          Die Ausstellung mit dem voll tönenden Titel „Das XX. Jahrhundert - Menschen-Orte-Zeiten“ will diesen Reichtum sowohl zeigen als auch sortieren. Beides gelingt nicht ganz. Im Eröffnungsraum, der die drei Ordnungsbegriffe erläutert, sind Aufnahmen der Kreuzritterfestung Krak des Chevaliers, der Malerin Georgia O'Keeffe und der bayerischen Prinzessin Therese zusammengestellt. Ein Überblick entsteht so nicht, eher, wie auch manchmal in der Dauerausstellung des Museums, ein Eindruck von ungebändigter Fülle. Auch die historische Chronologie wirkt nicht durchweg schlüssig. Der Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus wird mit einem Streikfoto von 1923 illustriert. Die wundervolle Porträtstudie, die Hermann Ventzke 1888 von seinem Vater geschaffen hat, hängt neben Bildern der ersten Doppeldeckerflüge um 1910.

          An Glanz fehlt es nicht

          Wo sich andererseits die gezielte Durchmischung des Materials angeboten hätte, wie bei der Modefotografie in Ost und West, wird sie peinlich vermieden; die beiden deutschen Teilstaaten bleiben geteilt. Bildpostkarten, Starporträts, Aufnahmen von Artilleriebeobachtern und Sportfotos bekommen eigene Vitrinen. Der Versuch, Fotografen zugleich als Zeitzeugen und als Spezialisten für bestimmte Bildgattungen zu zeigen, reißt die Ausstellung auseinander.

          Sind Sibylle Bergemanns trotzige Kleidermodelle aus der späten DDR etwa nicht politisch? Hier hängen sie im Modebereich, während die Zeitgeschichte durch Jürgen Nagel, Werner Mahler und und Gerhard Gäbler repräsentiert wird, etwa mit Gäblers hinreißendem Sonntags-Idyll „Autoreparatur im Leipziger Osten“, in der ein kaputter Trabant als Symbol des sozialistischen Stillstands dient.

          Für die konzeptionelle Schwäche entschädigt die Qualität des Gezeigten. Beinahe jeder, der in der deutschen Fotokunst Rang und Namen hat, ist hier vertreten - August Sander und Walter Ballhause mit Zwischenkriegsporträts, Barbara Klemm mit Aufnahmen vom verhüllten Reichstag und von türkischen Beschneidungsfeiern, Hans Schafgans mit Bonner, Harald Hauswald mit Berliner Impressionen, Roger Melis mit Künstler-, Konrad Müller mit Kanzlerfotos.

          Eine eigene Sektion ist den Siegern des Deutschen Jugendfotopreises und des Internationalen Preises für jungen Bildjournalismus gewidmet, bei denen man lernen kann, wie eine gute Fotografie entsteht: durch Geduld und Einfühlung wie in Fiona Tans Tierbildern, durch Geistesgegenwart wie auf Kai Wiedenhöfers Kinderstudien aus Gaza. Es ist nicht der Glanz, der dieser Ausstellung fehlt, sondern die Systematik. Aber die Sammlungen des DHM sind ja auf Dauer angelegt. Die Geschichte wird sich ihre Ordnung schon schaffen.

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