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Jagd und Schamanismus : Als der Jäger zaubern lernte

Rekonstruktion eines aus Lehm geformten Bärenkörpers aus der Höhle Montespan in Frankreich Bild: dpa

Jenseitsreisen und Bärenfang: Schamanen in den nördlichen Regionen kannten Riten, die noch in der Moderne Anklang finden. Eine Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt widmet sich den Tieren nachgeformten Kultgegenständen.

          Wenn wir gestorben sind, so heißt es bei den grönländischen Inuit, müssen wir uns unter einem riesigen Fell durchkämpfen, das im Jenseits auf dem Boden ausgebreitet liegt. Tauchen wir endlich am anderen Ende wieder auf, dann ist alles Irdische von uns abgerieben – dürr und ätherisch sind wir nun bereit, unsere verstorbenen Verwandten zu treffen, die uns schon erwarten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Solche Berichte aus dem Jenseits sind naturgemäß schwer zu bekommen. Die grönländischen Inuit aber kennen das große Fell und noch einige andere Prozeduren, denen die Toten unterworfen sind, aus den Erzählungen ihrer Schamanen, die sich mit der Hilfe von Trommeln und Gesängen in Trance versetzt und dann, begleitet von speziellen Schutzgeistern, auf derlei Reisen begeben haben, wie sie behaupten. Und auch wenn besonders anschauliche Schilderungen von dem Grönland-Reisenden Knud Rasmussen auf uns gekommen sind, so sind schamanistische Reiseberichte ebenso zu anderen Regionen rund um den Polarkreis überliefert. Schamanen, so heißt es, sind Mittler zwischen Lebenden und Toten, zwischen Mensch und Tier, zwischen Jägern und Beute. Sie sorgen dafür, dass die Seelen der Gestorbenen die Überlebenden unbehelligt lassen, dass die Kranken geheilt und dass die Riten eingehalten werden, wenn es darum geht, die Jagd in einer Weise abzuschließen, dass es auch im nächsten Jahr nicht an Wild mangelt. Eine Ausstellung, die derzeit im Archäologischen Museum Frankfurt zu sehen ist, widmet sich diesem Komplex. Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen den Jägern aus prähistorischer Zeit und den Tieren, die in den schamanistischen Ritualen eine Rolle spielten, etwa nachgeahmte Vogelköpfe, auf Stangen gesteckt, wie sie in Höhlenmalereien aus Lascaux zu sehen sind und wie sie, zauberhaft filigran geschnitzt vor knapp 16.000 Jahren aus einem Stück Elchgeweih, im heutigen Andernach-Martinsberg ans Licht gekommen ist.

          Rekonstruktion von Bärenschädeln aus unterschiedlichen Höhlen Europas

          Unter den vielen Tieren, denen solche Riten galten, nehmen in dieser Ausstellung die Bären den hauptsächlichen Part ein. Offenbar nicht zu Unrecht, schließlich sind in Skandinavien zahlreiche aufwendige Bestattungen von erlegten Bären archäologisch erschlossen worden, die an die Gräber von Menschen erinnern. Und immer wieder bietet die physiognomische Ähnlichkeit zwischen Bär und Mensch Anlass zu Legenden über enge Verbindungen beider Spezies wie der vom dänischen Historiker Saxo Grammaticus kolportierten: Demnach raubte ein Bär ein Mädchen, schwängerte sie und brachte sie hernach zurück zu ihren Leuten. Der Bärenmensch aber, den sie später gebar, wurde zum Stammvater des dänischen Königshauses. In der „Beschreibung der Völker des Nordens“, die Olaus Magnus, der im italienischen Exil lebende Erzbischof von Uppsala, um 1550 verfasste, findet sich diese Geschichte auch. Begleitet wird sie dort aber von einem Holzschnitt, der den Bären und das Mädchen zeigt, die eine Art friedlichen Tanz aufführen - mehr noch, der zahme Bär reicht dem Mädchen nur noch knapp bis zur Nasenspitze und erscheint hier nicht mehr als Bedrohung, sondern als Partner.

          Tatsächlich gibt es in der Ausstellung eine Reihe von Zeugnissen, die von dem Willen einzelner traditioneller Kulturen sprechen, das Verhältnis zwischen Mensch und Bär zu ritualisieren. Am eindrucksvollsten ist eine Art Wimmelbild des schwedischen Ethnologen Ossian Elgström, das die einzelnen Stationen einer traditionellen samischen Bärenjagd auf einem - hier beinahe wandgroß reproduzierten - Bild von 1930 darstellt. Das reicht vom gemeinsamen Auszug zum Bärenversteck über das Erlegen des Tiers bis hin zu einer ausschweifenden Feier, die gleichwohl strengen Regeln folgt, die sich auf die Zubereitung und Verspeisung der Beute ebenso beziehen wie auf die Ermittlung desjenigen Jägers, der bei der nächsten Jagd den entscheidenden Bogenschuss abgeben darf - der Künstler erlaubt sich hier den Scherz, dem derart bestimmten Jäger geradewegs einen Bärenkopf zu verpassen.

          Die Frage, wie aussagekräftig eine solche Bestandsaufnahme aus dem zwanzigsten Jahrhundert für prähistorische Praktiken ist, findet in der Ausstellung immerhin eine annähernde Antwort. Denn steinzeitliche Darstellungen aus Skandinavien zur Bärenjagd weisen offensichtliche Parallelen zur Moderne auf, und wenn auf frühen Fotografien die Jäger ganz ähnlich agieren wie ihre Ahnen, von denen sie Jahrtausende trennen, dann verfehlt das seine Wirkung auf den Besucher nicht. Auch wenn der Kontext ein ganz anderer geworden ist: Was in der Steinzeit überlebensnotwendig gewesen war, diente im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert schließlich als Ritus, um angesichts eines gewaltigen kulturellen Umschwungs den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft zu befördern. Die dafür notwendigen Bären aber wurden bisweilen - wie bei den ostsibirischen Niwchen - als Jungtiere gefangen, aufgezogen und dann ohne die geringste Chance auf Gegenwehr gemeinschaftlich erlegt.

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