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Berlinale 2015 : Die Wahrheit als Mitfahrgelegenheit

Erster Wettbewerbsfavorit: Der Regisseur Jafar Panahi hat die grandiose Filmsatire „Taxi“ aus dem Iran geschmuggelt – dagegen ist Quentin Tarantino nur ein Fahrrad-Pizzabote.

          Die Kino-Illusion wird in diesem Film nicht groß geschützt, sie muss sich anschnallen und auf die Künste des Mannes am Steuer vertrauen: „Das waren doch Schauspieler!“, sagt schon nach wenigen Minuten ein Schauspieler als Fahrgast lachend zu einem anderem Schauspieler, der einen Taxifahrer spielt, zugleich aber auch der Regisseur der ganzen Veranstaltung ist und als solcher auch mühelos durchschaut und angesprochen wird: „Stimmt’s, Herr Panahi?“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jafar Panahi ist einer der besten iranischen Regisseure, gilt aber bei seiner klerikal-puritanischen Regierung so wenig wie der sprichwörtliche Prophet im eigenen Land. Man hat ihn gemaßregelt, eingesperrt, nicht ausreisen lassen, diverse Betätigungsverbote über ihn verhängt. Nötig gewesen wären alle diese Kunstförderungsmaßnahmen aus dem Züchtigungsarsenal der tough love eigentlich nicht gewesen; ein Melancholiker mit vor keinem satirischen Detail versagenden Blick war er zuvor auch schon.

          In „Taxi“ lädt er sich während knapp achtzig Minuten ausgesucht unlösbare Probleme seiner leidenden Heimat in den Wagen, die nach ein paar Kreuzungen dann stets tatsächlich komplett ungelöst wieder aussteigen müssen, um weiteren Sorgen Platz zu machen: Mitläuferstumpfsinn, frauenfeindliches Erbrecht, Kleinkriminalität, Armut, Aberglauben und die Rechtsunsicherheit nicht nur der Opposition treten auf und ab. Die kleine Nichte des Autors darf schließlich zusammenfassend davon erzählen, welche Stoffe, Themen und Erzählhaltungen nach Auskunft ihrer Lehrerin aus dem schulischen Filmunterricht auf keine iranische Kinoverbreitungslizenz hoffen dürfen – nämlich alle, die unter die Generalklausel gegen „sordid realism“ fallen, wie das Verbotene in den englischen Untertiteln bei der Berlinale-Wettbewerbsvorführung von „Taxi“ heißt oder wie die deutschen sagen: „Schwarzmalerei“.

          Ernste Späße

          „Miesmacher“ nennt man Leute, die so was treiben, bei uns. Panahi aber unterläuft den Vorwurf, indem er das Miese als gewandter, verspielter, katzenhaft geschmeidiger Komiker vorführt, also eher Spaßmacher ist, nur dass die Späße eben sehr ernst sind, weil die dahinterstehende Haltung kompromisslos explizit macht, wer und was hier mies ist, nämlich nicht die Kunst. „Sie tun es, aber sie wollen nicht, dass man es zeigt“, sagt das Mädchen über die Schere mit den beiden Klingen „politische Repression“ und „kulturelle Kontrolle“: eine kindliche und ebendeshalb treffende wie für alle kritischen Zwecke völlig ausreichende Definition von Zensur, die man sich merken sollte.

          Mit dem Taxi fahren heißt eben nicht nur, das Leben kennenzulernen, es bringt einen auch manchmal in bedrohliche Nähe zum Tod: Szene aus Jafar Panahis „Taxi“.

          Dass Jafar Panahi seinem Staat Ungelegenheiten mit Anklagen vergilt, wäre an sich indes noch keine Nachricht, bei der das kollektive Filmweltauge zweimal hinschauen müsste. In vielen Ländern geht es schlimm zu, und die Gewohnheit westlicher und nördlicher Kulturgremien, sich durch Würdigungen von Leuten, die derlei erlitten und zu Kunst gestaltet haben, zu dem schweren Irrtum zu gratulieren, die Politik ihrer eigenen Staaten habe an den regionalen Absonderlichkeiten zurückgebliebener Gebiete keinerlei Anteil, gehört eher einmal bis ins Grundsätzliche peinlich befragt als bei jedem Dissidentenkunststück routiniert fortgesetzt.

          Instrument der filmischen Selbstdarstellung

          Die Filme aber, die Panahi seiner Lage abtrotzt, erlauben der wohlfühlwestlichen Lob-Routine ihre Gönnergesten nicht. Sie sind zu gut, zu klug, sie halten sich zu streng an das von Karl Kraus aufgestellte Gesetz, wonach eine Satire, die simpel genug ist, dass ein Zensor sie verstünde, zu Recht verboten würde. Wer diese Filme oder ihren Urheber zutraulich tätschelt, verbrennt sich die Pfoten. Panahi ist sich nämlich zu gut dazu, das Instrument der filmischen Selbstdarstellung des um seines Werks willen Verfolgten, das er mit „Dies ist kein Film“ (2011) auf ein seither von niemandem mehr erreichtes neues Niveau gehoben hat, lediglich als stumpfe Empathie-Melkmaschine zu gebrauchen. Er weiß, dass (um noch einmal Kraus zu zitieren, der es mit den Worten so genau nahm, wie Panahi es mit den Bildern nimmt) Selbstbespiegelung zwar erlaubt ist, wenn das Selbst schön ist, aber zur Pflicht wird, wenn der Spiegel gut ist.

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