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Jaan Kross gestorben : Niemals aufgeben

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Jaan Kross Bild: dpa

Die Kunst des Überlebens in schweren Zeiten hat er zum Thema seiner Romane und Gedichte gemacht, seiner Heimat wies er den Weg in die Moderne. Zum Tod des estnischen Nationaldichters Jaan Kross.

          Die Kunst des Überlebens in schweren Zeiten hat er zum Thema seiner Romane und Gedichte gemacht. Denn das hatte Jaan Kross wohl stärker als jeder andere Schriftsteller, außer Solschenizyn, erlebt: Er war unter Hitler und Stalin in Haft. 1944 hatten ihn die deutschen Besatzer Estlands inhaftiert und dann die Rote Armee, weil er sich nicht anpassen wollte. Acht Jahre lang überlebte Kross sowjetische Arbeitslager in Sibirien. Wie kaum ein anderer wird er in seinem Land verehrt - als er fünfundachtzig wurde, dauerten die Feiern eine Woche

          Bitterkeit zeigte Jaan Kross weder in seinen Gedichten nach der Freilassung 1954 noch in seinen zwanzig Romanen. Die Esten sehen ihn daher als Dichter der Hoffnung. Das allein reichte aber nicht, ihn zum Nationaldichter zu machen; hinzu kam, dass er das Ringen um Wahrheit in den Mittelpunkt seiner Wortkraft stellte. In den Jahren der Unfreiheit bis 1990 schrieb er klar genug, um auch in der Sowjetunion von Dissidenten geschätzt und gelesen zu werden, etwa in „Der Verrückte des Zaren“ vom deutschbaltischen Gutsherrn, der als Vertrauter des Zaren Alexander I. diesen auf Missstände hinweist, in Einzelhaft kommt, für verrückt erklärt und erschossen wird.

          Kross: Wahrheit die einzige Möglichkeit zu einem würdigen Leben

          Eigentlich wollte Kross Jurist bleiben. In Sibirien aber übersetzte der vieler Sprachen Kundige Heine und Brecht, Shakespeare und Balzac. Mit seinen Übersetzungen wie auch seinen experimentellen Gedichten bereitete der Sohn eines Handwerksmeisters den Weg zur modernen Dichtung in einem kleinen Land, dessen nationales und sprachliches Überleben ihm ein Herzensanliegen war. Mit seinen Romanen konnte er Absurdes und Verstrickungen ertragen und überwinden. So gestaltete er historische Gestalten Estlands zu Helden. Diese aber waren fein gezeichnete Grenzgänger, die sich entscheiden mussten zwischen Anpassen und Widerstehen, Resignieren oder Auflehnen in einem wenig beachteten Land an der Grenze Europas.

          In einer Welt der Lügen und der Gewalt sei die Wahrheit die einzige Möglichkeit zu einem würdigen Leben, glaubte Kross. Seine Gestalten aus dem Mittelalter, denen er im Archiv seines Geburts- und Wohnorts Tallinn (Reval) nachspürte, heroisierte er nicht; sie wurden von den Entwicklungen mitgerissen. Der Erzbischof von Lund verfaulte in „Ausgrabungen“ bei lebendigem Leib, weil er die Esten verriet. Kross geißelte, beobachtungsscharf und ironisierend, die Besatzer aus Dänemark und Deutschland, meinte aber, auch damals leicht erkennbar, die Russen. Im vierbändigen „Leben des Balthasar Rüssow“ spürt er einem Prediger und Historiker nach, der zwischen die Fronten ausländischer Interessen und Kanonen kommt, die Estland für sich nehmen wollen.

          Kross, der mit blitzenden Augen zu erzählen wusste, lebte abwechselnd in einer Wohnung an einer schmalen Gasse inmitten der historischen Altstadt von Tallinn und auf dem Lande. Seinem Land widmete der langjährige Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis sein Leben, auch als Abgeordneter, und seine epische Wortkraft. Kritiklos blieb er auch nach der Befreiung nicht: Estland sei aus einem Gefängnis gekommen und in einem Warenhaus gelandet. Am Donnerstag ist Jaan Kross siebenundachtzigjährig in seiner Heimat gestorben.

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