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Italiens Premierminister Monti : Plötzlich regiert ein echter Signore

  • -Aktualisiert am

Schon auf den ersten Blick grundverschieden: feixender Berlusconi, nachdenklicher Monti Bild: AFP

Der richtige Partner für Signora Merkel: Mario Monti zeigt den Italienern, was wahre Elite ist. Er verzichtet sogar auf sein Premierministergehalt und will weitermachen - solange man ihn lässt.

          Italien soll nicht mehr der „Entzündungsherd für die Krankheit Europas“ sein. Diese Worte ihres neuen Premierministers Mario Monti bei seinem Besuch in Berlin sind den Italienern aus der Seele gesprochen. Während der neue Regierungschef damit die Wirtschaft meint, verbirgt sich im Land hinter der medizinischen Sprache ein anderer, ein viel umfassenderer Diskurs zur Lage der Nation. Die Krankheit Italiens - das meint natürlich die verlorenen Jahre unter Berlusconi. Das meint die Laxheit gegenüber der Mafia, das populistische Schuldenmachen, das schamlose Gekungel der Politiker und nicht zuletzt die peinliche Vulgarität eines neureichen Milieus von Mächtigen, für welche sich Millionen von Italienern über die Jahre fast körperlich schämen mussten. Nun hat Italien vom gnädigen Schicksal den idealen Doktor gegen diesen Morbus verordnet bekommen: einen fleischgewordenen Anti-Berlusconi. Die Bürger, die diesen untypischen Premier ja allesamt nicht gewählt haben, reiben sich angesichts der Stilwende im Land die Augen und fragen: Wer ist dieser Mario Monti?

          Nur auf den ersten Blick stammt der Professor für Volkswirtschaft aus demselben Umfeld wie sein Vorgänger. Aus dem reichen Mailand der Börsen und Banken, der Multinationalen und Kreativen, der schicken Galerien, Opernfreunde, Modemacher stammt auch Berlusconi. Doch während der sich als Sohn eines obskuren Bankangestellten mit Werbung, Bauwirtschaft, Vulgärfernsehen und bis heute nicht geklärten Geldgebern an die Spitze der Parteienkorruption hochkatapultierte, ist Professor Monti in derselben pulsierenden Stadt keiner Partei beigetreten und dennoch an die Spitze der gesellschaftlichen Pyramide gelangt.

          Der Code der Elite ist nie anbiedernd: Mario Monti weckt Begeisterung

          Indes der Milliardär Berlusconi sich bei keiner Scala-Premiere blicken ließ, vom linkskatholischen Geldadel ostentativ geschnitten wurde und stets ein gespanntes Verhältnis zum Industriellenverband hatte, machte sich Monti einen Namen an der Spitze der Elite-Hochschule für Italiens Wirtschaftsnachwuchs, der Bocconi-Universität. Hier lehrte der mehrsprachige Marktwirtschaftler, wurde schon 1989 Rektor, später und bis heute Präsident, auch während seiner Zeit als Europa-Kommissar für Binnenmarkt und Wettbewerb. Monti ist damit Italiens personifiziertes Scharnier zwischen ökonomischer und politischer Vernunft.

          Er beherrscht die Kommunikation über feine Codes

          Der Mann, über dessen Privatleben auch im schwatzsüchtigen Italien kaum etwas bekannt ist, stammt aus der lombardischen Industriestadt Varese an der Schweizer Grenze. Die nüchterne und zugleich feinsinnige Mentalität, die auch Monti geerbt hat, kann man hier am Museum für monochrome Kunst des Sammlerehepaars Panza di Biumo ablesen. Im Neonschein der weltgrößten Sammlung von Dan Flavin herrscht hier radikal reduzierter Stilwillen in einem opulenten Ambiente mit Park. Dieser lombardische Rigorismus - das Anwesen schenkten die Besitzer dem nationalen Umweltfonds - wird auch bei Monti kombiniert mit hohem Idealismus fürs Gemeinwesen. So verzichtet er ostentativ auf jedes Gehalt als Premierminister. Die Botschaft ist doppelt: Man zwingt nicht andere zu Opfern, während man selbst daran verdient. Und man stammt aus einer Elite, die es gar nicht nötig hat, irgendwo angestellt zu sein.

          Professore folgt auf Cavaliere: Monti mit seinem Vorgänger am Tag seiner Vereidigung als Regierungschef

          In Montis Mailänder Milieu von Managern, Professoren und Bankiers zelebriert man seinen Reichtum nicht, sondern kommuniziert über feinere Codes. Man ist sein Leben lang mit derselben Frau verheiratet; Monti hat zwei erwachsene Kinder. Und er würde ein Mitglied seiner Klasse sogleich an einer adäquaten Wortwahl ohne den lombardischen Dialekt der Legisten erkennen. Vielleicht aber auch schon vorher an den bewusst schmalen Manschetten der diskret gestreiften Maßhemden, an den schulterknapp geschnittenen Jacken desselben Herrenschneiders oder an den meist bläulichen Krawatten, die niemals eine Spur zu festlich oder zu bunt wären.

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