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Italiens Politik und die Liebe : Das Imperium und das Herz

  • -Aktualisiert am

Italien wartet auf das Scheidungsdrama zwischen Berlusconi und Veronica Lario Bild: AFP

Der Ministerpräsident, seine Frauen, Kinder, Affären und Parteifreunde: Wie kein zweites Land ist Italien besessen von Klatsch. Nichts ist mehr geheim. Und Berlusconi verdient mit seinem Medienimperium selbst daran mit.

          5 Min.

          „Gib mir drei Worte: Sonne, Herz und Liebe“ - dieser italienische Sommerhit ist im Wonnemonat 2009, da sich das Land wie immer auf die Strandsaison vorbereitet, besonders aktuell. Ein Foto von Silvio Berlusconi prangt an jedem Zeitungskiosk, doch nicht in Gesellschaft von Obama oder Merkel, sondern neben seiner säuerlich dreinschauenden Gattin Veronica, die nach fast dreißig gemeinsamen Jahren nun die Scheidung eingereicht hat. Oder wahlweise neben der neapolitanischen Möchtegernsoubrette Noemi, die der Premierminister an deren achtzehntem Geburtstag mit einem Collier der Baureihe „Sofia Loren“ im Wert von sechstausend Euro beglückte und die seither nicht von ihrem süßen Geheimnis mit „Papi Berlusconi“ zu schwärmen aufhört.

          Während das Klatschblatt „Chi“ (im Besitz von Berlusconis Verlagsimperium) mit den schwerst retouchierten, wenn nicht montierten Erinnerungsbildern von Noemis Geburtstagsfest Rekordauflagen erreichte und vergriffen ist, titelt das Konkurrenzorgan „Gente“ (im Besitz der französischen Hachette) vollmundig: „Das Imperium und das Herz“. In diesem Text geht es freilich nicht um „sole, cuore, amore“, sondern um den traurigen Schluss von Berlusconis Liebesgeschichte mit einer zwanzig Jahre jüngeren Boulevardschauspielerin: Riesige Prunkvillen, ein Imperium aus Werbeagenturen, Fernsehketten, Baufirmen, Auslandsinvestitionen - all das steht bei fünf volljährigen Erben zur Mitbeteiligung und Aufteilung an.

          Die Kinder „aus dem ersten Bett“

          Werden die beiden Kinder „aus dem ersten Bett“ - so umstandslos sagt man in Italien - den drei Sprösslingen aus zweiter Ehe vorgezogen? Wie wird Veronica Lario den Scheidungsprozess führen, und wie wird sie apanagiert? Was haben die blendenden Showgirls, mit denen Berlusconi seine Partei, seine Fraktion und inzwischen sogar sein Kabinett aufgestockt hat, mit dem Rosenkrieg zu tun? Und vor allem: War da tatsächlich etwas zwischen der minderjährigen Noemi und dem zweiundsiebzig Jahre alten, vor Jahren an der Prostata operierten Tycoon, wie dessen Gattin insinuiert und er selbst gegenüber Freund und Feind dementiert?

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          Italiens Politik und die Liebe : Das Imperium und das Herz

          Diese Fragen könnten zu einer der unzähligen Seifenopern und Sabbelprogramme gehören, mit denen Berlusconis Sender und der de facto von ihm kontrollierte Staatskanal „Rai“ Tag für Tag Hausfrauen, Rentner, Schulkinder in Liebes- und Familiendingen konditionieren. Doch längst haben sie es in offizielle Kommuniqués der italienischen Regierung geschafft. Es geht um die Wirklichkeit eines Landes, das wie kein anderes beherrscht wird von Klatsch. Alles ist in Italien, dessen Sippenklientelismus bis heute Wirtschaft, Medien, Politik, Wissenschaft bestimmt, von Verwandtschaften, Klüngeleien, Eifersüchteleien, Herzensdingen abhängig. Und dieser Generalverdacht, das Land sei eh eine einzige Familienangelegenheit, unterscheidet die italienische Seifenoper dann doch gelinde von deutschen Verhältnissen. Angela Merkel beim ausgelassenen Tête-à-tête mit dem Fernsehballett oder als Mutti mit Brillantgeschenken auf der Fete halbwüchsiger Muskelboys - von solchen Analogien trennen uns immer noch Lichtjahre.

          Beunruhigende Signale aus Rom

          Während sich in Italien das ganze Land, ob haareraufend oder lüstern, auf den Ehekrieg im Hause Berlusconi vorbereitet und der Mogul bereits über Auflagen und Quoten am eigenen Geschick gut zu verdienen beginnt, kommen aus Rom beunruhigende Signale: Gianni Letta, Berlusconis unentbehrlicher Kabinettschef, sei von Scheidung und Familienleid des Chefs komplett absorbiert; dem Land drohe mitten in der Krise die Veronica-Blockade. Zudem ist die mächtige katholische Kirche keineswegs amüsiert und mahnt zu familiärem Zusammenhalt.

          Dabei bietet die Familie Berlusconi nichts anderes als das Bild einer ganz normalen italienischen Sippe: Der Patron lässt sich zum zweiten Mal scheiden. Die erste Tochter Marina hat sich spät und als zweifache Mutter mit einem Balletttänzer verheiratet. Tochter Barbara lebt mit ihrem Freund Giorgio zusammen und erwartet ohne kirchlichen Segen sehr jung das zweite Kind. Stammhalter Piersilvio ist bereits leitend im Medienzweig des Familienkonzerns tätig und dementiert vehement jedes Interesse an Politik, während Anfang der Woche Patriarch Silvio mit seinem jüngsten Filius Luigi beim Abendessen über einen Einstieg ins Geschäft plauderte. Derweil gab ein paar Kilometer weiter Luigis Mutter Veronica ihre kalkulierten Statements an die Konkurrenz aus: „Ich ziehe die Scheidung durch.“

          Alltag Patchwork

          Solche Patchwork-Familienverhältnisse sind nicht nur beim wenig glaubenseifrigen Liberalen Berlusconi, der für seine erste Scheidung Jahre benötigte, längst Alltag. Auch die beiden Vorsitzenden der anderen wertkonservativen Parteien, der Postfaschist und Parlamentspräsident Gianfranco Fini sowie der schicke und papsttreue Christdemokrat Pier Ferdinando Casini, trennten sich unlängst von ihren Gattinnen zugunsten jüngerer Aspirantinnen. Der Endfünfziger Fini wurde mit Elisabetta Tulliani, einer sehr blondierten und ausladenden Exfreundin des in die Karibik geflohenen Fußballpräsidenten Gaucci spät noch einmal Vater. Beim frommen Casini, der in zweiter Ehe die Tochter eines mächtigen Immobilien- und Medientycoons aus Rom heiratete, war alles noch komplizierter: Die neue Verbindung wurde nur zivilrechtlich geschlossen, weil sich die mit zwei Kindern gesegnete Ehe der zuvor noch verheirateten ersten Gattin kirchlich nun wirklich nicht annullieren ließ. Nach den Begriffen der von ihm verfochtenen Glaubenslehre lebt Casini, der bei Roms Kardinälen ein und aus geht, in Sünde.

          Dagegen wirkt Umberto Bossi, der rauhbeinige Chef der populistischen „Lega Nord“, noch bodenständig wie aus einer italienischen Familienkomödie der sechziger Jahre, wenn er Berlusconis Disko- und Mädchenbesuche launig kommentiert: „Mit solchen Flausen könnte ich nicht nach Hause kommen, meine Frau hätte mir schon den Stuhl vor die Tür gesetzt.“ Doch neu ist das alles nicht. Das Land hat schließlich nicht nur die Eskapaden von Päpsten und Renaissancefürsten verkraftet, sondern auch einen notorischen Frauenhelden wie Vittorio Emanuele II. als Staatsgründer, der seiner Mätresse in Turin ein protziges Mausoleum bauen ließ. Italien akzeptierte Garibaldis Bankerte und sogar einen strengen Diktator Mussolini, der mit seiner blutjungen Geliebten Claretta Petacci am Gardasee priapeische Spielchen trieb und am Ende mit ihr floh, während Gattin und Kinder blieben und das Land im blutigen Bürgerkrieg versank.

          Fotogene junge Gesellschaft

          Heute unternehmen Berlusconis hauseigene Medien immerhin Anstrengungen, um den Generalverdacht einer von Showgirls dominierten Politik zu zerstreuen. Von dem geplanten Dutzend hübscher junger Kandidatinnen zum Europaparlament sind nach Interventionen von Parteifreunden immerhin drei übriggeblieben, die nun vor den Kameras ihre Fernsehvergangenheit herunterspielen, von Studium und Entwicklungshilfe erzählen. Der Premierminister liebt als Werbefachmann fotogene junge Gesellschaft von Berufs wegen und kennt den Verkaufserfolg makelloser Gesichter ganz genau. Ihm quasi täglich Geschichten mit Dutzenden von Ansagerinnen seines politischen Lagers nachzusagen setzte ihn im Rentenalter in den Rang eines unermüdlichen „latin lover“ und würde seinem Image bei den bewundernden Wählern wohl sogar aufhelfen.

          Die Wahrheit über die Soubretten-Offensive dürfte aber viel profaner ausfallen: Berlusconis „Forza Italia“ rekrutierte ihr politisches Personal immer schon aus den eigenen Werbe- und Fernsehfirmen. Parteitage von „Forza Italia“ wirken wie eine Misswahl, so viele ehrgeizige und linientreue Models drängen sich neben den anderen Delegierten ins Licht. Und manches kluge Mädchen hat sich, statt weiter in Strapsen durchs Nachmittagsprogramm zu hüpfen, für den schnellen Aufstieg in der Partei des Patrons entschieden. Schließlich drängt der jugendliche Nachwuchs massenhaft vor die Kameras. Ein Sessel im Parlament ist da in Krisenzeiten weicher gepolstert als jeder Barhocker in einer Talkshow. Und hat es die smarte Mara Carfagna nach dem Wechsel ins einigermaßen seriöse Politgeschäft nicht bereits bis ins Kabinett geschafft?

          Sex verkauft sich eben

          „Sonne, Herz und Liebe“ - von diesem uritalienischen Dreiklang bleibt im unbarmherzigen Licht des Südens nur der ewiggleiche Orgelton des Geschäfts: Sex verkauft sich eben. Die Show-Scheidung im Hause Berlusconi - so prophezeite der Doyen von Italiens Scheidungsanwälten bereits - gibt am Ende einen Routinefall für Bilanzfachleute ab, sobald die Signora einmal standesgemäß abgefunden ist: „Denn wirklich abgerechnet wird erst am Ende, wenn es um das Erbe geht.“

          Wie anders war da doch das Klima zu Zeiten der seligen Christdemokratie! Da saßen unscheinbare katholische Familienväter, die ein Leben lang mit derselben Matrone verheiratet blieben, an den Schalthebeln der Macht. Und was sie sonst noch hinter verschlossenen Türen und unter schmutzigen Laken anstellten, wäre niemals von einer Zeitung oder gar im Fernsehen beleuchtet worden, denn darin bestand ihre Macht. Doch das ist Geschichte. Heute ist das Private die eigentliche Öffentlichkeit. Ein hässlicher, aber gründlicher Triumph des demokratischen Prinzips, denn vor dem Fernsehen sind endlich alle gleich. Und der arme Reiche Silvio Berlusconi bietet dabei alles andere als ein Musterbeispiel für dekadenten Johannistrieb. Stattdessen spielt der gar nicht so omnipotente Patriarch brav die Seifenopernrolle des Moguls, der von der Neugier der eigenen Medien durch den Schlamm gezogen wird, aus dem er selber sein Gold sieben lässt.

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