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Italiens Politik und die Liebe : Das Imperium und das Herz

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Während sich in Italien das ganze Land, ob haareraufend oder lüstern, auf den Ehekrieg im Hause Berlusconi vorbereitet und der Mogul bereits über Auflagen und Quoten am eigenen Geschick gut zu verdienen beginnt, kommen aus Rom beunruhigende Signale: Gianni Letta, Berlusconis unentbehrlicher Kabinettschef, sei von Scheidung und Familienleid des Chefs komplett absorbiert; dem Land drohe mitten in der Krise die Veronica-Blockade. Zudem ist die mächtige katholische Kirche keineswegs amüsiert und mahnt zu familiärem Zusammenhalt.

Dabei bietet die Familie Berlusconi nichts anderes als das Bild einer ganz normalen italienischen Sippe: Der Patron lässt sich zum zweiten Mal scheiden. Die erste Tochter Marina hat sich spät und als zweifache Mutter mit einem Balletttänzer verheiratet. Tochter Barbara lebt mit ihrem Freund Giorgio zusammen und erwartet ohne kirchlichen Segen sehr jung das zweite Kind. Stammhalter Piersilvio ist bereits leitend im Medienzweig des Familienkonzerns tätig und dementiert vehement jedes Interesse an Politik, während Anfang der Woche Patriarch Silvio mit seinem jüngsten Filius Luigi beim Abendessen über einen Einstieg ins Geschäft plauderte. Derweil gab ein paar Kilometer weiter Luigis Mutter Veronica ihre kalkulierten Statements an die Konkurrenz aus: „Ich ziehe die Scheidung durch.“

Alltag Patchwork

Solche Patchwork-Familienverhältnisse sind nicht nur beim wenig glaubenseifrigen Liberalen Berlusconi, der für seine erste Scheidung Jahre benötigte, längst Alltag. Auch die beiden Vorsitzenden der anderen wertkonservativen Parteien, der Postfaschist und Parlamentspräsident Gianfranco Fini sowie der schicke und papsttreue Christdemokrat Pier Ferdinando Casini, trennten sich unlängst von ihren Gattinnen zugunsten jüngerer Aspirantinnen. Der Endfünfziger Fini wurde mit Elisabetta Tulliani, einer sehr blondierten und ausladenden Exfreundin des in die Karibik geflohenen Fußballpräsidenten Gaucci spät noch einmal Vater. Beim frommen Casini, der in zweiter Ehe die Tochter eines mächtigen Immobilien- und Medientycoons aus Rom heiratete, war alles noch komplizierter: Die neue Verbindung wurde nur zivilrechtlich geschlossen, weil sich die mit zwei Kindern gesegnete Ehe der zuvor noch verheirateten ersten Gattin kirchlich nun wirklich nicht annullieren ließ. Nach den Begriffen der von ihm verfochtenen Glaubenslehre lebt Casini, der bei Roms Kardinälen ein und aus geht, in Sünde.

Dagegen wirkt Umberto Bossi, der rauhbeinige Chef der populistischen „Lega Nord“, noch bodenständig wie aus einer italienischen Familienkomödie der sechziger Jahre, wenn er Berlusconis Disko- und Mädchenbesuche launig kommentiert: „Mit solchen Flausen könnte ich nicht nach Hause kommen, meine Frau hätte mir schon den Stuhl vor die Tür gesetzt.“ Doch neu ist das alles nicht. Das Land hat schließlich nicht nur die Eskapaden von Päpsten und Renaissancefürsten verkraftet, sondern auch einen notorischen Frauenhelden wie Vittorio Emanuele II. als Staatsgründer, der seiner Mätresse in Turin ein protziges Mausoleum bauen ließ. Italien akzeptierte Garibaldis Bankerte und sogar einen strengen Diktator Mussolini, der mit seiner blutjungen Geliebten Claretta Petacci am Gardasee priapeische Spielchen trieb und am Ende mit ihr floh, während Gattin und Kinder blieben und das Land im blutigen Bürgerkrieg versank.

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