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Museen in Italien : Fiebernde Einlässe

Museumswärter in den wieder eröffneten Kapitolinischen Museen Bild: AFP

Neben Bars und Restaurants, Friseuren und Nagelstudios, Bibliotheken und Strandbädern dürfen in Italien nun auch die Museen öffnen. Wird sich in der Ausstellungspolitik künftig etwas ändern?

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          Etwas hat sich verändert, wenn man beim Einlass in ein Museum zur Begrüßung die Worte hört: „Sie sind bei bester Gesundheit, herzlich willkommen.“ Zuvor hatte der Mann am Eingang der Besucherin mit einem Thermoscanner die Temperatur gemessen und diese auf einer Liste notiert, dann achtete er darauf, dass sie sich an dem bereitstehenden Spender mit Desinfektionsgel die Hände entkeimt. Erst dann durfte sie Richtung Kasse gehen. Im Museum Poldi Pezzoli in der Via Manzoni in Mailand waren zu Beginn dieser Woche alle etwas aufgeregt: die Museumsmitarbeiter wegen der noch ungewohnten neuen Sicherheitsvorschriften und die Besucher, die nach mehr als zwei Monaten Eingeschlossensein endlich wieder Kunst genießen durften.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Im ersten Stock, wo Meisterwerke wie Sandro Botticellis „Jungfrau und das Kind“, Piero del Pollaiuolos „Bildnis einer jungen Frau“ oder das berühmte Doppelporträt Martin Luthers und seiner Frau Katharina von Bora hängen, ging ein älteres Ehepaar in Begleitung ihrer Tochter durch die Räume. Seit Wochen hätten sie den Besuch herbeigesehnt, erzählte die ältere Dame, und sich dafür nach mehr als zwei Monaten erstmals wieder aus dem Haus gewagt: „Uns war furchtbar langweilig, und dieses Museum mögen wir am liebsten.“ Die Hoffnung des Paars, fast allein vor ihren Lieblingswerken zu stehen, hat sich erfüllt. Am Tag der Wiedereröffnung fanden sich etwa hundert Besucher im Poldi Pezzoli ein.

          Am Montag ist Italien in eine neue Phase der Öffnung eingetreten. Neben Bars und Restaurants, Friseuren und Nagelstudios, Bibliotheken und Strandbädern dürfen nun auch die Museen öffnen. Das kulturelle Leben soll raus aus dem virtuellen Raum, in den es sich während des Lockdowns komplett zurückziehen musste, und die Menschen zu einer neuen Normalität finden, in der nicht alles, was sie früher liebten, von der Furcht vor Ansteckung überlagert wird. Allerdings hat nur ein Bruchteil der Museen tatsächlich wieder aufgemacht. In Rom sind es die Kapitolinischen Museen, das Stadtmuseum im Palazzo Braschi, die Galleria Borghese, der Palazzo delle Esposizioni und die Vatikanischen Museen.

          Museen recyceln Luft

          In Neapel sind das Museum Madre, der Bosco di Capodimente und der Pio Monte della Misericordia wieder zugänglich. In Mailand, wo besonders strenge Corona-Regeln gelten, da die Stadt und die Region Lombardei am schwersten von der Pandemie getroffen worden sind, konnte nach längerem Hin und Her lediglich das Museum Poldi Pezzoli öffnen. Der Vorgang im Vorfeld erinnerte ein wenig an eine Tombola, ist aber symptomatisch für vieles, was in diesen Tagen in Italien im Spannungsfeld von Öffnung und Unsicherheit geschieht.

          Noch vergangene Woche hatte es in Mailand geheißen, sämtliche städtische Museen seien ab dem 18. Mai wieder zugänglich. Am Samstag wurde der Termin kurzfristig gekippt und als neuer der 25. Mai festgelegt, mittlerweile ist man beim 2. Juni angelangt. Wenn vom 3. Juni an die Grenze nach Italien wieder offen ist und Touristen kommen, die das Land braucht wie nie zuvor, sollen die Pforten aller Museen wieder offen stehen. Die Angst, durch Fehler die Opfer zunichtezumachen, die zwei Monate Lockdown den Menschen, der Wirtschaft und dem Kulturleben abverlangt haben, ist jedoch immens. Bevor man einen falschen Schritt macht, geht man lieber einen zurück. Im Falle der Mailänder Museen hatten sich die Belüftungssysteme als Risiko erwiesen, das noch minimiert werden muss. Sie sollen nicht nur gereinigt und desinfiziert, sondern komplett umgestellt werden, um die Sicherheitsrichtlinien der Regionalregierung zu erfüllen.

          Diese verlangen unter anderen eine verbesserte Belüftung der Museen und den Verzicht auf die Luftumwälzfunktion bei Klimaanlagen. Die Basis für solche Maßgaben ist das „Worst-Case-Szenario“, die Anwesenheit einer mit dem Coronavirus infizierten Person, deren ausgestoßene Aerosole die Klimaanlage in allen Räumen verteilen könnte. Letztlich geht es darum, mehr Außenluft in die Museen zu lassen. Einfach ist das jedoch nicht. Für die Konservierung der Kunstobjekte ist ein bestimmtes Mikroklima notwendig, für das in den meisten Museen die Klimaanlage sorgt. Sie recycelt die Luft, schafft dabei eine bestimmte Temperatur und Feuchtigkeit in den Räumen und hält sie konstant. Die Klimaanlagen umzustellen, ohne die Werke zu gefährden, ist eine Herausforderung. Im Museum Poldi Pezzoli hatte sich dessen technischer Partner Mitsubishi frühzeitig des Problems angenommen. Bei den übrigen sind noch die Techniker am Werk.

          Der Einlass ist reglementiert

          Die Verzögerungen haben aber auch etwas Gutes. Während an den Klimaanlagen getüftelt wird, proben die Museen das Arbeiten unter neuen Bedingungen: Der Einlass ist reglementiert, gleichzeitig darf sich immer nur eine bestimmte Personenanzahl im Museum aufhalten, die sich an dessen Größe bemisst – im Poldi Pezzoli, das über 27 Säle verfügt, sind es pro Stunde 25 Besucher.

          Im Kapitolinischen Museum in Rom können die Besucher nun wieder die Skulptur von Marco Antonio Colonna bestaunen
          Im Kapitolinischen Museum in Rom können die Besucher nun wieder die Skulptur von Marco Antonio Colonna bestaunen : Bild: AFP

          In einigen Museen muss der Besuch im Vorfeld reserviert werden, Temperaturmessung und Desinfizieren der Hände am Eingang sind in sämtlichen Pflicht, genauso Sicherheitsabstand, Atemschutzmasken bei Besuchern und Museumsmitarbeitern sowie das tägliche Desinfizieren der Räume. Kleinere Räume sind geschlossen worden, alle übrigen dürfen nur noch in einem festgelegten Rundgang besichtigt werden, damit die Besucher nicht aneinander vorbeigehen und sich dabei zu nahe kommen. Zudem müssen neue Formen für das didaktische Programm gefunden werden. In einigen Museen sollen Führungen, denen man früher über einen Audioguide lauschen konnte, künftig über das eigene Smartphone abrufbar sein.

          Die dramatischen wirtschaftlichen Folgen des begrenzten Zugangs und der übrigen Auflagen in den Museen sind absehbar. Schätzungen sprechen davon, dass beispielsweise das Kolosseum an einem Tag nur noch Besuchszahlen wie zuletzt in zwei Stunden im Februar erreichen wird. Trotzdem sehen viele Kulturschaffende die Corona-bedingten Einschränkungen auch als Chance, aus einer Entwicklung auszusteigen, die als Abwärtsspirale begriffen wird.

          Qualität soll wieder Vorrang haben

          Seit Mitte der neunziger Jahre sind auch in Italien die Museumskassen zunehmend zum Maßstab geworden, ob eine Schau erfolgreich ist. Die Zutaten, um dies zu garantieren, waren immer die gleichen: große Namen wie Caravaggio, van Gogh, Picasso und Dalí und deren medienwirksame Vermarktung. An die Stelle von Blockbuster-Schauen könnten nun wieder mehr mutige und sorgfältig durchdachte Ausstellungen treten, die sich in den Dienst der Kunst stellen, anstatt sie zu benutzen. Qualität soll wieder Vorrang haben vor Quantität, zuletzt zählte Italien etwa 10000 Ausstellungen pro Jahr.

          Und noch eine andere Hoffnung verbindet sich mit den neuen Umständen. Nämlich jene, die Menschen in Italien könnten nun, da der Besuch von Museen zwar grundsätzlich wieder möglich, aber nicht mehr so sorglos und frei wie früher ist, die kulturellen Schätze, denen man außerhalb der Institutionen begegnet, wieder anders schätzen lernen: die archäologischen Stätten, Denkmäler, großartigen Bauwerke und Landschaften. Italien als Museum unter freiem Himmel ist reich daran.

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