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Museen in Italien : Fiebernde Einlässe

Museumswärter in den wieder eröffneten Kapitolinischen Museen Bild: AFP

Neben Bars und Restaurants, Friseuren und Nagelstudios, Bibliotheken und Strandbädern dürfen in Italien nun auch die Museen öffnen. Wird sich in der Ausstellungspolitik künftig etwas ändern?

          4 Min.

          Etwas hat sich verändert, wenn man beim Einlass in ein Museum zur Begrüßung die Worte hört: „Sie sind bei bester Gesundheit, herzlich willkommen.“ Zuvor hatte der Mann am Eingang der Besucherin mit einem Thermoscanner die Temperatur gemessen und diese auf einer Liste notiert, dann achtete er darauf, dass sie sich an dem bereitstehenden Spender mit Desinfektionsgel die Hände entkeimt. Erst dann durfte sie Richtung Kasse gehen. Im Museum Poldi Pezzoli in der Via Manzoni in Mailand waren zu Beginn dieser Woche alle etwas aufgeregt: die Museumsmitarbeiter wegen der noch ungewohnten neuen Sicherheitsvorschriften und die Besucher, die nach mehr als zwei Monaten Eingeschlossensein endlich wieder Kunst genießen durften.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im ersten Stock, wo Meisterwerke wie Sandro Botticellis „Jungfrau und das Kind“, Piero del Pollaiuolos „Bildnis einer jungen Frau“ oder das berühmte Doppelporträt Martin Luthers und seiner Frau Katharina von Bora hängen, ging ein älteres Ehepaar in Begleitung ihrer Tochter durch die Räume. Seit Wochen hätten sie den Besuch herbeigesehnt, erzählte die ältere Dame, und sich dafür nach mehr als zwei Monaten erstmals wieder aus dem Haus gewagt: „Uns war furchtbar langweilig, und dieses Museum mögen wir am liebsten.“ Die Hoffnung des Paars, fast allein vor ihren Lieblingswerken zu stehen, hat sich erfüllt. Am Tag der Wiedereröffnung fanden sich etwa hundert Besucher im Poldi Pezzoli ein.

          Am Montag ist Italien in eine neue Phase der Öffnung eingetreten. Neben Bars und Restaurants, Friseuren und Nagelstudios, Bibliotheken und Strandbädern dürfen nun auch die Museen öffnen. Das kulturelle Leben soll raus aus dem virtuellen Raum, in den es sich während des Lockdowns komplett zurückziehen musste, und die Menschen zu einer neuen Normalität finden, in der nicht alles, was sie früher liebten, von der Furcht vor Ansteckung überlagert wird. Allerdings hat nur ein Bruchteil der Museen tatsächlich wieder aufgemacht. In Rom sind es die Kapitolinischen Museen, das Stadtmuseum im Palazzo Braschi, die Galleria Borghese, der Palazzo delle Esposizioni und die Vatikanischen Museen.

          Museen recyceln Luft

          In Neapel sind das Museum Madre, der Bosco di Capodimente und der Pio Monte della Misericordia wieder zugänglich. In Mailand, wo besonders strenge Corona-Regeln gelten, da die Stadt und die Region Lombardei am schwersten von der Pandemie getroffen worden sind, konnte nach längerem Hin und Her lediglich das Museum Poldi Pezzoli öffnen. Der Vorgang im Vorfeld erinnerte ein wenig an eine Tombola, ist aber symptomatisch für vieles, was in diesen Tagen in Italien im Spannungsfeld von Öffnung und Unsicherheit geschieht.

          Noch vergangene Woche hatte es in Mailand geheißen, sämtliche städtische Museen seien ab dem 18. Mai wieder zugänglich. Am Samstag wurde der Termin kurzfristig gekippt und als neuer der 25. Mai festgelegt, mittlerweile ist man beim 2. Juni angelangt. Wenn vom 3. Juni an die Grenze nach Italien wieder offen ist und Touristen kommen, die das Land braucht wie nie zuvor, sollen die Pforten aller Museen wieder offen stehen. Die Angst, durch Fehler die Opfer zunichtezumachen, die zwei Monate Lockdown den Menschen, der Wirtschaft und dem Kulturleben abverlangt haben, ist jedoch immens. Bevor man einen falschen Schritt macht, geht man lieber einen zurück. Im Falle der Mailänder Museen hatten sich die Belüftungssysteme als Risiko erwiesen, das noch minimiert werden muss. Sie sollen nicht nur gereinigt und desinfiziert, sondern komplett umgestellt werden, um die Sicherheitsrichtlinien der Regionalregierung zu erfüllen.

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