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Italiens mächtige Influencer : Wer hat Angst vor Ferragnez?

Den Blick immer Richtung Kamera: Chiara Ferragni und ihr Mann Fedez in den Hügeln von Rom bei ihrer täglichen Arbeit. Bild: face to face

An Italiens einflussreichsten Influencern, Chiara Ferragni und ihrem Mann, dem Rapper Fedez, zeigt sich, wie in den sozialen Medien die Grenzen zwischen Konsum, Politik und Populismus verwischen.

          6 Min.

          Sie sind eine gigantische Verdichtung von Konsens, Macht, Talent und Reichtum. Manche bezeichnen sie als „das einzige Königspaar“ Italiens, denn was sie anfassen, wird zu Gold. Sie selbst nennen sich die „Ferragnez“: Chiara Ferragni und ihr Mann Federico Leonardo Lucia, der Rapper Fedez, Italiens mächtigstes Influencer-Paar. Am vergangenen Sonntag appellierten sie während des Finales des Eurovision Song Contests an ihre ausländischen Follower: Stimmt für Maneskin! Die römische Band gewann. Ob ihr Appell wirklich entscheidend war, wird man nie erfahren. Einfluss hatte er aber sicherlich: Chiara Ferragni hat auf Instagram 23,6 Millionen Follower, gut verteilt zwischen Italien und dem Ausland. Ihr Mann hat 12,5 Millionen. Zusammen sind das fast so viele Menschen, wie Kanada Einwohner hat. Am Montag nach dem italienischen Triumph – oder dem der Ferragnez – postete Chiara Ferragni ein Foto, auf dem sie lächelnd ihren Mittelfinger zeigt. „An alle Leute, die dachten, dass Italien den Eurovision nicht gewinnt“, hieß es darauf. Die Geste könnte genauso gut all jenen gelten, die noch an der Macht des Influencer-Paares zweifeln.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Foto stand zu Beginn einer Woche, in der die Nachricht, deutschen und französischen Influencern sei anonym Geld geboten worden, damit sie den BioNTech-Impfstoff diskreditieren, für politische Aufruhr sorgte. Gleichzeitig finden Politiker wie Jens Spahn oder Robert Habeck längst nichts mehr dabei, Livevideos mit Influencern zu machen. Als der Youtuber Rezo vor fast genau zwei Jahren die CDU mit seinen 1,7 Millionen Followern zum Schwitzen brachte, waren politische Einmischungen dieser Art noch ein Novum. Wie weit die Entwicklung mittlerweile geht, demonstrieren in Italien die Ferragnez: Italiens Politiker stehen seit Wochen immer wieder Schlange, um sie zu hofieren. Jeder möchte etwas abhaben von ihrem Sternenstaub.

          The Blonde Salad

          Ihr kometenhafte Aufstieg begann vor elf Jahren. Damals startete Chiara Ferragni, Jurastudentin an der Mailänder Bocconi-Universität, mit „The Blonde Salad“ den ersten ernstzunehmenden Modeblog Italiens. Sie schrieb auf Italienisch und Englisch und wurde schnell über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Mit einer Mischung aus Ausdauer, Intuition und kluger Interaktion mit ihren Abonnenten erweiterte sie ständig ihre digitale Präsenz, sodass Studenten der Harvard Business School den Blog für eine Fallstudie benutzen. Dann kam Instagram und bescherte Ferragni noch mehr Erfolg und Popularität. Sie machte sich selbst zur Marke und schuf das Chiara-Ferragni-Phänomen: eine nahbare Ikone, stylisch und freundlich. Und ein millionenschweres Vorbild für Influencer weltweit. Kürzlich ist die 34-Jährige in den Vorstand des Modekonzerns Tod’s aufgenommen worden. Der Börsenwert des Unternehmens stieg sofort um 14 Prozent.

          Screenshot von Chiara Ferragnis Instagram-Account: In den Uffizien
          Screenshot von Chiara Ferragnis Instagram-Account: In den Uffizien : Bild: Instagram/chiaraferragni/Screenshot

          Auf ihrem Instagram-Profil gibt sie Modetipps, Lifestyle-Ratschläge und postet eine Chronik ihres täglichen Lebens: Mittag- und Abendessen mit Freunden, Familientreffen, Kuscheln mit ihren Kindern Vittoria (3 Monate) und Leone (2 Jahre), von denen die Follower schon Bilder kannten, bevor sie überhaupt geboren waren; außerdem Flirten und Rumalbern mit Fedez, den sie 2018 heiratete. Fedez macht Werbung für Amazon, tritt derzeit eher als Meinungsführer und weniger als Rapper in Erscheinung und fährt im Lamborghini zu Charity-Veranstaltungen. Chiara Ferragni wirkt ihm intellektuell überlegen – möglicherweise ist das aber auch nur Teil der Show. Den Apparat, der hinter den beiden steht – Management, Stylisten, Kindermädchen, Bodyguards –, bekommt man nie zu Gesicht. Man sieht nur ein wohlhabendes, glückliches Ehepaar mit Hang zu Extravaganz. Berichten zufolge zahlen Lifestyle-Marken dem Paar 60 000 Euro pro Instagram-Post.

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