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Unwetter auf Ischia : Die Vorsicht des Ministers

  • -Aktualisiert am

Am 1. November hatte sich Italiens Kulturminister noch in der Fernsehshow „Porta a porta“ vor der Kulisse eines Opernhauses - in Rom gezeigt. 25 Tage später in Neapel schien es ihm unpassend. Bild: EPA

So tun, als würde man etwas tun, aber nichts tun: Italiens Kulturminister sagt wegen der Katastrophe auf Ischia die Premiere von Verdis „Don Carlo“ in Neapel ab.

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          Dass etwas passieren würde und dass längst etwas passiert war, das lag, wie man so sagt, in der Luft. Sieben Meilen über dem Matterhorn, auf das uns der Flugkapitän so reizend hinwies, wackelte das Flugzeug unangenehm beträchtlich. Beim Landeanflug auf Neapel gingen dann die Lichter in der Kabine aus, die über den Notausgängen hingegen an. Kinder schrien, Erwachsene atmeten konzentrierter. Wir setzten gleichwohl bruchfrei auf. Es goss. Der Wind peitschte die Orangenbäume, die Palmen wedelten. „Was für eine Kälte“, fluchte der Taxifahrer. In Reykjavík mochte es zur gleichen Zeit gemütlicher sein.

          Auf Ischia aber, eine Bootsstunde von Neapel entfernt, waren gerade die Orte Casamicciola Terme und Lacco Ameno beinahe von der Landkarte gespült worden. Acht Tote und zwölf Vermisste gebe es, ließ Matteo Salvini, Minister für nachhaltige Infrastruktur, verbreiten. Woher er das so genau wusste, war nicht klar.

          Der Besetzungsdirektor im Teatro San Carlo, Ilias Tzempetonidis, der es schon nicht mehr hören kann, dass er im schönsten Opernhaus Italiens arbeite, weil es für ihn klingt, als würde sich hinter dem Lob für die Schönheit der Mangel an anderen Qualitäten verbergen, hatte gegen acht Uhr dreißig die Nachricht erhalten, dass der Bürgermeister von Ischia nicht zur Premiere von Giuseppe Verdis „Don Carlo“ nach Neapel kommen würde. Kurz danach sagte auch Italiens Kulturminister Gennaro Sangiuliano seine Teilnahme an der Premiere ab. Ja, mehr noch, er sagte die ganze Premiere ab, wozu er in Italien sogar befugt ist. Es wäre sein erster großer Auftritt als neu vereidigter Kulturminister gewesen. Und zum ersten Mal überhaupt hätte es eine Fernsehübertragung der „Inaugurazione“, der Saisoneröffnung aus dem Teatro San Carlo, durch Rai 5 gegeben.

          Genau das schien den Minister, einen Neapolitaner zudem, zu schrecken: Fernsehbilder von ihm in der Oper, während ein paar Kilometer weiter die Menschen mit dem Tod kämpften. Unmöglich! Er hätte es freilich bei der Absage des Besuches belassen können; man hätte mit einer Schweigeminute oder einer Traueransprache den schrecklichen Ereignissen Rechnung tragen können. Verdis „Don Carlo“ ist schließlich eine Tragödie und kein Amüsierspektakel. Auch gab es keine Staatstrauer an jenem Abend, kein landesweites Spielverbot; Bühnen, Casinos und Klubs blieben in Betrieb.

          Die überstürzte Absage der Premiere rettete kein Menschenleben, machte keine Versäumnisse der Sicherheitsinfrastruktur wieder gut, sie sagte nur eins: Wir tun was. Und zwar das Leichteste. Zugleich aber das mit dem größten symbolischen Effekt. Auch wenn hierbei die Kunst einmal mehr zum Mittel für einen politischen Zweck wurde, zeigte sich doch in der Absage ein Restglaube an deren große gesellschaftliche Wirkung. Alle, die erleben wollten, wie Elina Garanča zum ersten Mal die Eboli auf Italienisch singen, wie Juraj Valčuha Verdi dirigieren und wie Claus Guth als Regisseur die Geschichte deuten würde, waren vergebens angereist. Der Minister hatte ihnen aus Angst vor seinen Wählern einen, wenn man so will, Staatsstreich gespielt. Heute Abend aber soll alles nachgeholt werden. Und Rai 5 bleibt dabei.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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