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Salvini verklagt Saviano : Minister der Unterwelt

  • -Aktualisiert am

Italiens Innenminister Salvini hat sich Roberto Saviano zum Gegner gewählt. Darüber kann sich die Mafia nur freuen. Bild: dpa

Der italienische Innenminister Matteo Salvini von der Lega verklagt den Mafia-Rechercheur Roberto Saviano. Seine Klage kündigt er per Twitter an, als sei das alles sehr spaßig. Dabei ist es todernst. Ein Kommentar.

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          An wem sich der italienische Innenminister und Vizepremier Matteo Salvini von der Lega orientiert, liegt offen zutage: „Prima gli italiani“, erst die Italiener, lautet sein Wahlspruch, den er mit der neofaschistischen Partei „Casa Pound“ teilt und der über dem Twitter-Account des Ministers prangt. Dort schlägt Salvini in Manier des Mannes, der „America first“ proklamiert, per Kurznachricht auf Gegner ein.

          Ganz oben auf seiner Abschussliste steht Roberto Saviano, einer seiner schärfsten Kritiker. Für Saviano geht es um Leib und Leben. Kaum im Amt, hatte Salvini angemerkt, dass man die Polizeieskorte, die den von Unterwelt-Paten mit dem Tode bedrohten Mafiarechercheur Saviano schützt, zur Disposition stellen könne. Dagegen hat Saviano unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung protestiert.

          Nun legt Salvini nach. Er habe Saviano wegen Verleumdung verklagt, twitterte er am Montag, weil er sich gegen dessen Kritik verwahre, dass er der Mafia helfe, die er doch tatsächlich „mit aller Kraft“ bekämpfe, und sich angeblich freue, wenn Kinder – gemeint waren junge Flüchtlinge – stürben. (Saviano hatte in der Debatte um das private Rettungsschiff „Aquarius“ polemisch die Frage gestellt, ob es Salvini Freude bereite, wenn Kinder zu Tode kämen.)

          Gezeichnet ist der ministerielle Tweet mit „Küsse“ und einem zwinkernden Knutschsmiley, als wäre das Ganze nur ein böser Scherz unter Freunden. Das behördliche Klageschreiben, das die „Huffington Post“ zuerst veröffentlichte, wird präziser. Es geht insbesondere um zwei Facebook-Postings Savianos und ein Interview, das er der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat. Saviano bewertet darin die Infragestellung seines Polizeischutzes als „Drohung“ in Mafiamanier. Er beschreibt, wie Salvini auf einer Kundgebung in Kalabrien vor Männern der ’ndrangheta gesprochen und die Mafia als Thema ausgespart habe. Und schließlich tituliert Saviano ihn als „ministro della malavita“ – Minister der Unterwelt. Der Ausdruck ist ein Zitat. Er ist der Titel eines Artikels, mit dem der sozialistische Politiker und Publizist Gaetano Salvemini 1910 den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti attackierte und dessen Machtgefüge in Verbindung mit sich entwickelnden Mafiastrukturen setzte. Mit dem politischen Ende Giolittis wurde der Weg frei für Mussolini.

          Alle Vergleiche zwischen damals und heute hinken, das weiß auch Saviano, der mit unverminderter Schärfe reagiert: „Der Minister der Unterwelt hat entschieden, mich zu verklagen“, schreibt er auf Facebook. Noch habe er keine offizielle Nachricht darüber bekommen, doch er bitte schon jetzt um Unterstützung für sich. Die Art und Weise, wie Salvini mit Kritikern umgeht, lässt Saviano an Putin denken und den Aufstieg autoritärer Systeme.

          „Ich habe keine Angst“, sagt Saviano. Zum Fürchten ist ein Innenminister wie Salvini allerdings. Ihm ist zuzutrauen, dass er mit der Drohung, Saviano den Polizeischutz zu streichen, Ernst macht. Wollte der Minister die Unterwelt tatsächlich bekämpfen, müsste er anders reden.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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