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Italienische Weihnachtsmärkte : Postvent

  • -Aktualisiert am

Im Krippenmuseum in Brixen Bild: F.A.Z.

Spätestens am zweiten Feiertag wurden die Weihnachtsmärkte hierzulande geschlossen, auf dass der unfromme Kommerz das Christfest nicht ungebührlich in die Länge ziehe. Welch Missverständnis! Ein Blick nach Italien und ein frommer Wunsch.

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          Gut zweihundert Tage, dann ist es wieder so weit. Dann liegen wieder Printen und Lebkuchen als erste Vorboten des Weihnachtsfestes in den Regalen. Und es dauert nicht mehr lange, bis die Weihnachtsmärkte ihre Hütten voller bunten Krimskrams öffnen. Statt des Kindes in der Krippe ist der hölzerne Stall längst in den Mittelpunkt gerückt - nur dass hier jetzt nicht mehr Ochs und Esel Stroh käuen, sondern fliegende Händler Schaffellpantoffeln und selbstgetöpferte Kaffeebecher feilbieten.

          Die allgemeine Verhüttelung und Verglühweinung zum Christfest hat nur einen Nachteil: Der Rummel dauert viel zu kurz. Der angenehm kommerzielle Urchristkindlesmarkt in Nürnberg etwa schloss bereits am Heiligabend seine Pforten. Das mittelalterliche Soest, wo das halbe Ruhrgebiet seine Tristesse im Glühwein zu ertränken pflegt, baute die Buden gar schon am 22. Dezember ab. Und sogar im geschäftstüchtigen Baden-Baden ist seit dem Stefanitag Feierabend, auf dass der unfromme Kommerz das Christfest nicht ungebührlich in die Länge ziehe. Welch Missverständnis!

          Der theologisch sattelfeste Katholik Heinrich Böll hatte nämlich vollkommen recht mit seinem Plädoyer, das seelenvolle Christfest nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern am besten gleich ganzjährig mit dem passenden Klingeling und Lametta zu feiern. Wie man die Christgeburt stilvoll begeht, macht das fromme Südtirol vor, wo sich traditionsgemäß halb Italien unter nordischen Christbäumen die frostige Winterstimmung abholt. In Brixen etwa kann man in engen Budengassen bis zum Dreikönigstag mit einem Glas schweren Lagreins in der einen und einem Schlutzkrapfen in der anderen Hand von der nächsten Weihnachtsmarktsaison träumen. Das ist immerhin ein Anfang.

          Denn ursprünglich ging das Feiern mit dem Heiligabend erst los. Im Advent dagegen, wenn heute der Einzelhandelsverband das Szepter schwingt, herrschten stille Einkehr und klamme Erwartung. In den Rauhnächten zwischen den Jahren, am Dreikönigstag und recht eigentlich bis zum Beginn der Fastenzeit war dafür dann im christlichen Abendland der Teufel los: Essen, Saufen, Tanzen, Schenken, Verschwenden gegen die dunkelsten Wintertage. Denn nun gab es ja endlich einen Grund zum Fröhlichsein. Eigentlich merkwürdig, dass heute fromme Bürger und Kirchen, die es besser wissen müssten, gegen die vermeintlich unchristliche Markt- und Feierlaune nach dem 24. Dezember wettern und die Händler aus ihrem Freilufttempel verscheuchen. Mehr Weihnachtsspaß hinterm Advent - das ist die erste Eintragung für den Wunschzettel 2010.

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