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Italien vergisst seine Musik : Zurückfortschritt

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Ausgerechnet in Italien, dem Mutterland der Musik, ist die Kenntnis der eigenen Tradition klagenswert auf den Hund gekommen. Ganz anders als sonst in Europa führen barocke und vorbarocke Werke im Konzert- und Operbetrieb ein Schattendasein.

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          Hat schon mal irgendwer den Namen Antonio Vivaldi gehört? Oder ist vertraut mit der Musik von Claudio Monteverdi? In keinem anderen zivilisierten Land klingen solche Fragen angebrachter als in Italien. Denn ausgerechnet im Mutterland der Musik ist die Kenntnis der eigenen Tradition klagenswert auf den Hund gekommen.

          Während seit drei Jahrzehnten die Wiederentdeckung barocker und vorbarocker Komponisten zu den aufregendsten Phänomenen unseres Kulturlebens zählt, ist Italien weitgehend stehengeblieben auf dem Wissensstand des klassischen Kanons, demzufolge es vor Mozart und Haydn (mit Ausnahme von Johann Sebastian Bach) kaum intellektuell ernstzunehmende Musik gab.

          Es ist kurios: Die eigenen ästhetischen Quellen hat in Italien vor allem die „opera lirica“ verschüttet, jene belcantistische Epoche von Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi, die landauf, landab die Spielpläne beherrscht. Dass man nördlich der Alpen, inzwischen aber auch in Spanien, ja sogar Griechenland seltene Händel-Opern wieder aufzeichnet, dass italienische Barockmaestri wie Stradella, Steffani, Traetta langsam, aber mächtig ins Bewusstsein eindringen – dieses Wunder ist in Italien selbst an Experten vorbeigegangen.

          Noch absurder wird die Tatsache dadurch, dass italienische Musiker mit etlichen Ensembles maßgeblich am internationalen Siegeszug der Alten Musik beteiligt sind – nur dass die Stars im eigenen Land weniger bekannt sind und ihr Geld großteils auf Konzertreisen und mit Tonträgern im Ausland verdienen.

          Empörung über Cecilia Bartoli

          Insofern hat sich im berlusconianischen Italien wirklich wenig geändert gegenüber der Barockzeit, als mittellose Musiker ihr Brot an ausländischen Höfen verdienen mussten oder – wie der große Alessandro Scarlatti – am Ende verarmt und vergessen im Vaterland starben.

          Im selben Sinn schreiben italienische Qualitätsmedien heute irritiert über die Verkaufszahlen von Barockmusik in der Plattenbranche, über die Neugier eines europäischen Publikums auf diese unbekannten Landsleute wie Caldara oder Cavalli. Als bekannt wurde, dass die Italienerin Cecilia Bartoli den Italiener Riccardo Muti als Chefin der Salzburger Pfingstfestspiele ablösen wird, schrieb der bekannteste Musikkritiker Italiens, Paolo Isotta, empört über irgendeine „amerikanische Allerweltssängerin“, die den großen Maestro verdrängt habe.

          Dass die Bartoli mit der Ausgrabung virtuoser Kastraten-Arien Millionen von Platten verkauft, hat sich bis Rom und Mailand noch nicht herumgesprochen. Vielleicht sollten sich angesichts solcher Ignoranz die Italiener an den Ratschlag von Giuseppe Verdi halten: „Wir müssen zu unseren Ursprüngen zurückkehren, um einen Fortschritt zu erreichen.“

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