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Italien und die Finanzkrise : Genies am Rande des Abgrunds

  • -Aktualisiert am

Protest gegen Bildungskürzungen, aber Besonnenheit angesichts der Finanzkrise in Italien Bild: picture-alliance/ dpa

In Italien hat die Krise der Finanzmärkte zu keiner Panik geführt, aber es formiert sich Widerstand gegen die wachsende Staatsmacht. Die Medien haben die Italiener ohnehin gelehrt, andere Dinge für wichtiger zu nehmen.

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          Die einzige beruhigende Nachricht zur Finanzkrise erreichte die Italiener von der höchsten weltlichen Instanz: Es handle sich hier nur um zeitliche Güter, ließ Papst Benedikt XVI. aus seinem prächtigen Palast in Castelgandolfo verlauten. Einzig Gott sei ewig. Dieses Bekenntnis zum gelassenen Bankrott klingt zwar etwas merkwürdig, wenn es von einer reichen Institution wie der katholischen Kirche kommt, die um jeden Cent Steuernachlass feilscht wie ein HedgeFonds-Manager. Doch zu Zeiten wirtschaftlicher Horrormeldungen nehmen die Italiener Trost, woher sie ihn bekommen können.

          Was hatte Ministerpräsident Berlusconi verkündet? „Jeder Euro Erspartes ist sicher, die Banken sind immer noch der bessere Platz für das Geld als die Matratze.“ Einem Politiker, das bewiesen Umfragen schon lange vor der Finanzkrise, glauben Italiener traditionell überhaupt nichts. Doch wenigstens in seiner Eigenschaft als Baulöwe, Medienunternehmer und Chef eines verschachtelten Firmenimperiums verströmt Berlusconi bei seinen Wählern wie Widersachern den Ruch ökonomischen Sachverstands, der anderen Funktionsträgern sonst rundweg abgesprochen wird.

          Kein Grund zur Panik

          Dagegen haben südlich des Brenners Banker gute Chancen, es zum Staatspräsidenten zu schaffen. Nach dem Abtreten von Carlo Azeglio Ciampi, der Italien als Nationalbankpräsident in den Euroraum gelotst hatte und danach als Präsident ungemein populär wurde, verkörpert nun Mario Draghi den italienischen Sachverstand auf dem Börsenparkett. Immerhin leitet der Römer Draghi jetzt das internationale Krisengremium der wichtigsten Industriestaaten.

          Was man aber nicht so gerne hört: Vorher hatte sich Draghi, der jetzt wie ein Zauberkünstler täglich die Sicherheit aller Bankeinlagen beschwört, als Investmentbanker bei Goldman Sachs betätigt. Erst bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren hatte er seine Anteile dort abgegeben und die künftigen Gewinne einem guten Zweck versprochen. Es wurde, wie man weiß, kein besonders gutes Geschäft. Doch angesichts eines Multimilliardärs an der Spitze der Regierung, angesichts des größten klaffenden Unterschieds zwischen Arm und Reich in Alteuropa und erschreckend niedriger Löhne ist die Panik in Italien einstweilen ausgeblieben. Vielleicht stimmt das Klischee ja tatsächlich, dass Italiener ihre Genialität erst am Rande des Abgrunds abzurufen vermögen. So viel steht fest: Sie werden sie benötigen.

          Auslagerung auf Nebenschauplätze

          Während auch die Mailänder Börse sich an der globalen Talfahrt beteiligt, streitet das Land weiter über Nebenkriegsschauplätze: Die Massenproteste gegen die Kürzungen im Schulwesen, die unreformierte Justiz, die marode Fluggesellschaft Alitalia, Italiens Rückschritte beim Klimaprotokoll – und vor allem über die Paralyse der weiter zerstrittenen Linken, die nicht einmal die Krise des Kapitalismus zu einer systematischen Opposition gegen den allgegenwärtigen Mogul inspiriert. Oder ist eine solche Krise eine besonders gute Zeit für den starken Mann?

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