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Italien und der deutsche Papst : Papa Ratzi

  • -Aktualisiert am

Jubel über den neuen Papst Bild: dpa/dpaweb

Kein bierseliger Trachtenbub, sondern ein feinsinniger Mozartliebhaber ist Pontifex geworden: Unter dem Papst Benedikt XVI. werden viele Italiener ihr plattes Deutschlandbild wohl oder übel überdenken müssen.

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          In Italien, wo der Heiligenkalender den Alltag rhythmisiert, war feinsinnig bemerkt worden, daß der zweite Tag dieses Konklaves dem heiligen Papst Leo IX. geweiht war, dem ersten Pontifex mit einer ausgedehnten Reisetätigkeit, Verursacher des Schismas mit der Ostkirche und letztem richtigen Deutschen auf dem Stuhle Petri.

          Graf Bruno von Dagsburg-Egisheim starb am 19. April 1054 in Rom. Auf den Tag 951 Jahre später also wieder ein Deutscher. Und die Italiener, die das hatten kommen sehen, reiben sich gleich am ersten Tag des Ratzinger-Papstes an den liebgewonnenen Vorurteilen gegenüber dem großen europäischen Bruderland.

          Hirte - Schäferhund

          „Il pastore tedesco“ titelte nicht unwitzig, aber rüde und vorhersehbar der linksradikale „Manifesto“. Das Wortspiel bezeichnet nicht nur einen „deutschen Hirten“, sondern auch den „deutschen Schäferhund“. Dessen befürchteter Biß bot denn auch Anlaß, einer vorzugweise linken Deutschfeindlichkeit die Zügel schießen zu lassen. Die Vorurteile vom „Großinquisitor“, vom „Torquemada Wojtylas“ mußten ebenso erwähnt werden wie der hieratische erste Auftritt, der - so die „Repubblica“ - „die Seelen nicht erwärmte“. Auch der markante deutsche Akzent habe von Rom bis zum Erdkreis eine „Strömung der Angst“ aufkommen lassen. Schließlich habe Benedikt XVI., so der „Manifesto“, dreingeschaut wie der kannibalische Massenmörder Anthony Hopkins im „Schweigen der Lämmer“.

          Daß dieselben Bilder, abhängig vom Wohlwollen der Betrachter, komplett unterschiedliche Wirkungen auslösen können, beweist die Sympathie und Hochachtung, die dem deutschen Papst die Mehrzahl der Beobachter entgegenbrachten. Im „Corriere della sera“ wurde sogar von den „cherubinischen Augen“ des Joseph Ratzinger geschwärmt, von seinem Kindergesicht und seiner intellektuellen Reinheit - vom diskreten Charme seines unüberhörbaren bayrischen Akzents ganz zu schweigen. Das grobere - vorzugsweise beim Oktoberfest gefestigte - Deutschlandbild vieler Italiener befriedigt die Herkunft dieses vergeistigten Universitätsprofessors ironischerweise aufs allerbeste.

          Der Eiserne Kardinal

          Benedikt XVI., den man auf seiner vorigen Karrierestufe den „Panzer“ (nach der Fußball-Nationalmannschaft) oder gar den „Eisernen Kardinal“ (in Anspielung auf Bismarck) schimpfte, muß noch Mißtrauen ausräumen. Ob er dabei das Klischee des autoritären, humorlosen, verschlossenen Deutschen bestärken wird - daran haben die klügeren unter den italienischen Kommentatoren Zweifel.

          Er werde die Welt noch überraschen, hieß es nicht selten. Ratzinger hat sein kompaktes Programm schließlich selbst vor dem Konklave verkünden können: die Rechristianisierung Europas. Und wie Wojtyla den Kommunismus als Zielscheibe wählte, so gelte der Kampf seines Nachfolgers nun dem Relativismus der Werte. Ob er diesen ehrgeizigen Feldzug gewinnen könne?

          Kein Hinweis auf die Deutschen

          Daß der neue Papst ein Deutscher ist, daran müssen sich gut sechzig Jahre nach der Wehrmacht in Italien, nach der Räumung des römischen Gettos durch die SS viele Italiener erst noch gewöhnen. Bei der Beerdigung Johannes Pauls II., immerhin einer von einem Deutschen zelebrierten Totenmesse, war im Staatsfernsehen Rai auch nur der leiseste Hinweis auf Köhler, Schröder, Fischer unterblieben. Das wird sich bei der feierlichen Einführungsmesse am kommenden Sonntag gründlich ändern. Nun kommt man an einer überarbeiteten Bildformung der gerne marginalisierten Deutschen nicht mehr vorbei.

          Schon angesichts des Lebenlaufes, der den Theologen nicht nur ins bierselige Monaco di Baviera, sondern auch durch obskure hyperboreische Dörfer wie Frisinga, Tubinga, Ratisbona (Freising, Tübingen, Regensburg) führte, müssen viele Italiener ihr plattes Deutschlandbild wohl oder übel überdenken. Da ist plötzlich von einem kirchenfrommen, bescheidenen, antifaschistischen und antipreußischen Elternhaus die Rede, von regionalem Stolz auf Traditionen, von Fleiß und Würde, von hochspekulativen Theologendebatten. Im Windschatten dieses Pontifex haben die Deutschen von nun an die Chance, das einseitige, rabiate Bild ihrer Heimat zu korrigieren.

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