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Italien und der deutsche Papst : Papa Ratzi

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Das faustische Format

Daß hier beileibe kein bierseliger Trachtenbub, sondern ein feinsinniger Mozartliebhaber Pontifex wurde, der wie Wojtyla Gedichte schrieb, aber am liebsten gründlich die geistige Tradition studiert, kommt dem faustischen Format der deutschen Seele sehr entgegen. Die römische Aristokratin Alessandra Borghese, Gefährtin der frommen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, schwärmte im „Giornale“ vom strengen Abstinenzler Ratzinger, der am liebsten Huhn oder Gemüsesuppe esse, einen klaren Kopf und das Frühaufstehen liebe.

Und der italienische Talkmaster Bruno Vespa legte ebenso wie der germanophile Europaminister Rocco Buttiglione den Akzent nicht grundlos auf das „aristokratische Auftreten“ des neuen Papstes: Ein unerwartet bescheidener Ratzinger verzichtete darauf, sich in den Fußstapfen des verschmitzten Polen den Massen anzubiedern. So ahnen bereits die meisten, daß ihnen hier kein mediengeiler „Papa Ratzi“, sondern ein zurückhaltender selbstkritischer Denker a la Paul VI. ins Haus stehen könnte.

Abschluß des Katastrophenjahrhunderts

Die Namenswahl Ratzingers könnte sich als deutlichstes Zeichen erweisen, daß hier ein Kirchenmann den Akzent seiner Arbeit auf Europa, auf die wankenden Wurzeln der abendländischen Ethik legt. Als grüße er hinüber zum in Italien sehr geachteten Ernst Nolte, spannt Benedikt XVI. den Bogen über den europäischen Weltbürgerkrieg. Wie der fünfzehnte seines Namens im Ersten Weltkrieg den Suizid Europas begriff und daran verzweifelte, so scheint dieser intellektuelle Hirte das kurze und doch viel zu lange Katastrophenjahrhundert von 1914 bis 1989 abschließen zu wollen.

Der Kontinent, den geistig der Katholizismus formte, ist nicht nur in den Augen dieses Papstes nach 1914 durch die Ideologien von Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus und ungebremsten Kapitalismus an den Abgrund gedrängt und in seiner christlichen Selbstgewißheit erschüttert worden. Der neue Ponitfex, der über den heiligen Augustinus promovierte, will offenbar dem Teufelskreis der Entwurzelung okzidentaler Ethik die Stirn bieten.

Berufung auf den Pazifisten

Daß damit die erwartete Öffnung der Kirche gegenüber den Problemen von Armut und Ungerechtigkeit in der Dritten Welt erst einmal aufgeschoben sei - dies meinen sogar die Kommentatoren der italienischen Rechten, die sich ansonsten enthusiastisch über die Wahl Joseph Ratzingers äußerten. Auf der anderen Seite stimmt es gemäßigt linke Exponenten wie den überzeugten Katholiken Romano Prodi freudig, daß die Namenswahl im Gefolge des Kriegsgegners Benedikt XV. einen expliziten Pazifisten der jüngeren Kirchengeschichte aus der Vergessenheit befördert.

Daß Benedikt XVI. als sechzehnjähriger Kindersoldat zu einer Flakstellung eingezogen wurde und kurzzeitig in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager arbeitete, weckt die Hoffnung, es erneut mit einem radikalen Pazifisten zu tun zu haben.

Der greise Ex-Ministerpräsident und päpstliche Intimus Giulio Andreotti nimmt Konklave und Namenswahl, wie zu erwarten war, eher persönlich und erinnerte scherzhaft daran, daß er unter einem Benedikt geboren sei und nun hoffe, „freilich nicht gar zu bald“ auch unter einem Benedikt zu sterben. So markant sind eben nur in Italien die historischen Schattierungen des Papsttums präsent - einer Institution, die das Land und seine Kultur geprägt hat wie keine andere. In diesem Sinn hat Leo IX., der sich 1049 vom regionalen Lehensmann der Salier zum zupackenden römischen Kirchenfürsten wandelte, seinen deutschen Nachfolger pünktlich und keinen Tag zu früh bekommen.

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