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Italien ohne Führung : Alle Mann mit Schlips

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Eigentlich geht es in der Politik um dieselbe Frage wie bei der Sedisvakanz im Vatikan: Kann der Stil einer überlebten Epoche das führungslose Ganze wirklich retten? Bild: dpa

Sedisvakanz in Rom - sowohl in weltlicher als auch in geistlicher Hinsicht. Mitten in einer akuten Wirtschaftskrise wirkt das Szenario wie ein Albtraum. Italien zwischen Papst und Posse.

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          Noch nie in der zweitausendjährigen Geschichte des Papsttums hatte das Wort vom leeren Stuhl Petri solch eine profunde Bedeutung. Nicht nur ist der Papstposten frei, er ist es auch noch in Anwesenheit des letzten Amtsträgers. Und gleichzeitig taumelt Italien auch bei der weltlichen Macht in ein historisches Vakuum. Keine Zeit für Machtvakanzen eigentlich. Doch wenig spricht dafür, dass sich bis zu den ersten Wahlgängen eines neuen Staatspräsidenten Mitte April die politischen Parteien einander annähern könnten. Rom ohne Regierung und ohne Präsident - das Szenario wirkt mitten in einer akuten Wirtschaftskrise wie ein Albtraum.

          „Rom ohne Papst“ - dies Szenario wurde immerhin durchdacht im gleichnamigen Roman von Guido Morselli. Darin beschrieb der Autor Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Katholizismus der kommenden Jahrtausendwende als laxe Sozialethik im Dialog mit Psychoanalyse, Buddhismus, Atheismus und Feminismus. Morsellis Zukunftspapst Johannes XXIV. hat sich, dieweil der Vatikan zum musealen Lunapark umgebaut wurde, aus Kostengründen in die Vorstadt Zagarolo zurückgezogen und auf seine Rolle als Stellvertreter Christi verzichtet. Der Autor Morselli erschoss sich an seinem Schreibtisch, weil niemand seine melancholische Vision vom Glauben ohne Pomp und Geheimnis drucken wollte. Doch ganz so arg, wie er fürchtete, ist es dann doch nicht gekommen. Einen deutschen Papst in Pension freilich hatte das neue Jahrtausend bereits in petto. Und ob der nächste Pontifex sich als ein Johannes XXIV. tatsächlich der radikalen Modernisierung des Katholizismus widmen wird, das handeln die üblichen Verdächtigen im Vatikan gerade in zähem Ringen miteinander aus.

          Die Römer hingegen - in der Regel abergläubisch, katholisch und pfaffenfeindlich in einem - nehmen den wahrhaft historischen Moment mit der illusionslosen Gelassenheit von gelebten zweitausendsiebenhundert Jahren Geschichte hin. Schlau, sagen sie in der Bar beim Caffè, ist dieser alte Tedesco, der jetzt im Park von Castel Gandolfo friedlich spazieren geht. Jetzt kann er seine eigenen Nachrufe lesen - und als erster Papst seinen Nachfolger beurteilen. Der „Corriere della sera“ zeigt dieweil den tragisch gescheiterten Linkskandidaten Bersani auf einer hämischen Karikatur im weißen Papstgewand: abgetreten, bevor er überhaupt Pontifex wurde.

          Ein saturiertes, krankes, korrupten System

          Was der Kirche die Reformrufe gegen Vertuschung von Päderastie und illegale Geldgeschäfte - das ist den italienischen Politkardinälen inzwischen Beppe Grillo. Der schreit ins handelsübliche Posten- und Koalitionengeschacher, dass dieser Viehmarkt endlich ein Ende haben müsse. Und seine Abgeordneten, die auf einen Großteil ihres Gehalts verzichten, beginnen sich im superteuren Rom in der Vorstadt in WGs einzurichten und suchen nach vegetarischen Billigrestaurants. Fast nostalgisch erinnern die Medien an die Glanzzeit der „honorigen Verschwender“, die wie der einstige Außenminister De Michelis in einer Amtszeit vierhundert Millionen Lire Spesen für ein Luxushotel am Corso abrechneten.

          Diese undurchschaubar sturen Grillini sind der eigentliche Kulturschock eines saturierten, kranken, korrupten Systems, das sich endlos vor den eigenen Gesetzen zu verbarrikadieren verstand. Im Parlament, dessen edle Billigkantine bereits geschlossen wurde, beseitigt man die feudalen Vorrechte der „Onorevoli“ stillschweigend, bevor dies Grillos politischer Bettelorden tut: Die Schlafplätze im Presseraum sind nicht mehr abgegrenzt, ebenso die intime Ladenzeile für Lobbyisten und ihre Präsente. Sogar auf der Poststelle müssen die Abgeordneten jetzt wie gewöhnliche Sterbliche Schlange stehen. Könnte es tatsächlich sein, dass auch in Italiens Politik - so Grillo - „Ehrlichkeit Mode wird“?

          Einsam standhalten

          An Emilio Colombo soll es nicht liegen. Der dreiundneunzigjährige Alterspräsident des Senats verkörpert als Urgestein der Christdemokratie die Erste Republik, deren obskure Macht quasi auf Sedisvakanzen, Heimlichkeiten und Hinterzimmer gegründet war. Wie müssen auf diesen stets vatikantreuen, inzwischen geouteten Homosexuellen, der auch schon einen Kokainprozess erdulden musste, die asketischen Nerds der Grillini mit ihren Internetzwerken und Mikrokrediten wirken? Mag das kommende Konklave die Selbstreinigung der Kirche von Amoral und Mammon bringen, wie Italiens größte katholische Wochenzeitung „Famiglia Cristiana“ dies in der aktuellen Ausgabe dringend fordert - Emilio Colombo hält einsam stand gegen das junge Italien, das noch bei keiner Papstwahl geduldet war.

          Der Nestor kündigte an, bei der Eröffnung des Parlaments in einer Woche jeden Jungspund ohne Krawatte und Jackett aus dem Sitzungssaal werfen zu lassen. Eigentlich geht es in der Politik um dieselbe Frage wie bei der Sedisvakanz im Vatikan: Kann der Stil einer überlebten Epoche das führungslose Ganze wirklich retten?

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