https://www.faz.net/-gqz-778pg

Italien nach der Wahl : Es ist einfach zum Verzweifeln

  • -Aktualisiert am

Silvio Berlusconi Bild: REUTERS

In Italien herrscht nach der Parlamentswahl politisches Chaos. Und genauso haben es die degenerierten Parteien gewollt. Denn nun können sie mit ihrer Plünderung des Landes weitermachen.

          Italien ist ein Paradies, das von Teufeln bewohnt wird. Die Wahlergebnisse vom Montag stützen diese - nur leicht abgewandelte - Erkenntnis des Philosophen Benedetto Croce. Unregierbarkeit durch unterschiedliche Mehrheiten in beiden Kammern der Volksvertretung; mehr als fünfzig Prozent der Stimmen für Gegner Europas, ein Viertel für die Anarchisten Grillos, ein Drittel für die Steuerverweigerer von Berlusconi; ein Absturz für die besonnene Sparpolitik des Premiers Monti und de facto eine saubere Dreiteilung zwischen unvereinbaren Lagern: viel chaotischer und konfuser hätte es wahrlich nicht kommen können. Und doch haben die italienischen Teufelchen keineswegs irrational gewählt. Aus den Zahlen lassen sich einige klare Erkenntnisse extrapolieren. Denn auch im Populistenparadies Italien herrschen politische Gesetze.

          Die erste Wahrheit liegt in den etwa zehn Prozent für Mario Monti. Diese Zahl besagt, dass gerade einmal einer von zehn Italienern dafür ist, Staatsschulden abzuzahlen, ehrlich Steuern zu entrichten, Beamte abzubauen und Monopole und Vetternwirtschaft in der Wirtschaft zu bekämpfen. Das genau war Montis Programm, das immerhin drei Millionen Freunde fand - wohingegen das enttäuschende Linksbündnis von Pier Luigi Bersani nicht viel anders als Berlusconi ein Ende der gerade begonnenen Sparpolitik verkündet hatte. Was den Umkehrschluss erlaubt: Neunzig Prozent der Italiener sind explizit gegen einen modernen, funktionierenden Staat nach skandinavischem Muster.

          Sieg der Abschottung

          Diese Dimension des italienischen Sonderwegs, der sich in Europa nur mit dem griechischen vergleichen lässt, ist erschreckend genug. Doch kommt hier die Zahl der gleichauf bei jeweils dreißig Prozent verharrenden Ideologieblöcke erschwerend hinzu. Politologen bestaunen schon seit Jahren die Anomalie, dass es in Italien keine Wechselwähler gibt. Wer als Rechter geboren wurde, dem fällt eher die Hand ab, als dass er sein Kreuzchen bei den „Kommunisten“ macht, selbst wenn es die seit Jahrzehnten gar nicht mehr gibt. Und umgekehrt vermag auch ein noch so blasser und schwacher Parteisoldat - wie diesmal Bersani - seine linke Klientel immer zu mobilisieren. Aber auch nur die.

          Bisher entschied sich eine Wahl in Italien also über das Daheimbleiben unzufriedener Anhänger. Im Spätherbst freilich gab es einen linken Kandidaten, der diesen Fluch durchbrochen hätte. Matteo Renzi, charismatischer, unideologischer Bürgermeister von Florenz und in den großen Fußstapfen Obamas unterwegs, verlor bei den Vorwahlen allerdings glatt gegen Bersani, der jenseits der Partei noch nie aufgefallen war. Auch hier also siegte die Abschottung vor der modernen Wirklichkeit. Italiens notorisch autodestruktive Linke zog einen Lagerwahlkampf hinter einem alten Langweiler einem unideologischen Aufbruch vor - und verschenkte so den Sieg.

          Weitere Themen

          Die Republik ist er

          FAZ Plus Artikel: Macrons Abstieg : Die Republik ist er

          Woher die Wut auf Emmanuel Macron? Der Präsident hat es gewagt, das politische System vom Links-Rechts-Schema zu befreien. Sollte er scheitern, ginge Frankreich einer düsteren Zukunft entgegen. Ein Gastbeitrag.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Christdemokraten im Aufbruch : Wozu braucht die CDU noch Friedrich Merz?

          Die Anhänger von Friedrich Merz haben ihren Helden verloren. Doch die Trauer über dessen Niederlage währte nur kurz. Der Wirtschaftsflügel der CDU befindet sich im Aufbruch – und hofft auf Zugeständnisse der neuen Parteichefin.
          Mit diesem Autobahnabschnitt auf der A648 wäre auch die Deutsche Umwelthilfe zufrieden, hier gilt bereits Tempo 100.

          Klimaschutz : Umwelthilfe will Tempolimit 120 auf Autobahnen

          Die Deutsche Umwelthilfe prozessiert fleißig, um Fahrverbote in vielen Städten durchzusetzen. Nun gehen die Aktivisten einen Schritt weiter. Sie prüfen, ob sich ein Tempolimit von 120 auf deutschen Autobahnen juristisch erzwingen lässt.

          Meteorologie : Wie wird denn nun der Winter?

          Den Wettertrend einer ganzen Jahreszeit vorherzusagen war bislang Spökenkiekerei. Nun gibt es eine neue Prognosemethode.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.