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Italien : Die Lampedusa-Realität

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Gehört zum afrikanischen Festlandssockel, ist aber italienisch: Lampedusa Bild: Getty

Inmitten des Mittelmeers zeugt die Insel Lampedusa von der großen Lüge der Barmherzigkeit am Rande Europas. An dem Elend der Flüchtlinge wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

          Eine Insel mit zwei Bergen - das ist für Armutsflüchtlinge aus Afrika der erste Eindruck von der Sehnsuchtsheimat Europa. Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Steinbrocken namens Lampedusa - auf dem afrikanischen Festlandssockel liegend, doch zu Italien gehörig - ist, dass es hier nichts Bemerkenswertes gibt. Alles kahl und steinig, eine Hochfläche mit zwei Hügeln, ein Sandstrand und ein winziges Örtchen, in dem man ohne große Umbauten einen Spielfilm über Italiens faschistische Kolonialpräsenz in Äthiopien oder Libyen drehen könnte: Außer den anderthalbstöckigen, windgegerbten Betonhäusern im sachlichen Duce-Stil befinden sich inzwischen auch die afrikanischen Komparsen auf der Insel, die man für solch einen Film gebrauchen könnte.

          Die gar nicht so raren Strandurlauber, die hier im tiefen Süden bis in den November baden können, kriegen die leidigen Zuwanderer aber kaum zu sehen. Das umzäunte Flüchtlingslager direkt am Flughafen dürfen die Boatpeople zu keinem Spaziergang verlassen. Wer will, kriegt aber die wendigen Boote der Guardia Costiera mit, die vorzugsweise im Dunkeln auslaufen und deren Mannschaft mit Nachtsichtgeräten erspäht, ob wieder ein lecker Kahn voller Menschen in Todesangst in den Wellen treibt.

          Kein Platz für Flüchtlinge

          Dann wird, wenn es irgend geht, abgeschleppt. Tags liegen die entsetzlich maroden Schaluppen afrikanischer Schnellbauweise dann abseits der Mole von Lampedusa und stinken nach dem, was die Menschen unterwegs produziert haben. Fachkräfte in antibakteriellen Overalls haben die Leute längst an Land begleitet. Im Camp beim Flughafen lässt man sie sich, primitiv, doch einigermaßen effektiv, waschen und desinfizieren. Den behördlichen Kram übernehmen Beamte der Grenzbehörden, Kleider aus Altbeständen werden verteilt. Herzlich willkommen.

          Warum das alles so kleinteilig und simpel gebaut ist? Warum sich die verzweifelt illegalen Grenzübertreter im Freien abduschen müssen? Lampedusa ist klein und kaum besiedelt; Afrika ist riesengroß und produziert jedes Jahr Millionen Flüchtlingskandidaten. Wäre das Lager hier auf der Insel geräumiger, wäre kein Platz mehr für die Heimatbevölkerung und die Touristen und die Seeschildkrötenstation.

          Erst Tote bringen Aufmerksamkeit

          Groß genug für so viel afrikanisches Elend und so viel pro-europäische Hoffnung wäre ohnehin nicht einmal ganz Sizilien. Daher richtet man sich auf zweihundertfünfzig Durchreiseplätze ein, obwohl es an manchen Tagen achthundert oder tausend Ankömmlinge sind. Wer das Glück hatte zu überleben, bekommt fast so etwas wie eine Pauschalreise: einen Flug in ein größeres, nicht angenehmeres Camp in Apulien oder Sizilien. Dort verflüchtigt sich die mediale und behördliche Aufmerksamkeit. Und die Neu-Europäer werden peu à peu freigelassen und hinzugefügt zum Heer der Tagelöhner und Bettler und Händler, die es hier bereits gibt. Vor ein paar Tagen hatten sie nichts zu verlieren. Nun haben sie nichts mehr zu gewinnen.

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