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Italien : Die Invasion der Chinesen

  • -Aktualisiert am

Shun Li heißt in der neuen Welt Chiara, denn wer mag sich im Veneto schon chinesische Namen merken? Bild: Simone Falso

Wir sind hier: Ein neorealistischer Film über die massive Einwanderung aus Fernost gibt dem italienischen Unbehagen und den Gefühlen der Zuwanderer ein Gesicht.

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          Italiens bekannteste Bar liegt im venetischen Fischerstädtchen Chioggia, direkt am Kutterkai der Lagune, und heißt „Osteria Paradiso“. Doch handelt es sich hier weder um ein Esslokal noch um ein Paradies, sondern um eine hundsnormale Kaffeebar, in der tagsüber die lokalen Rentner Karten spielen oder Einsame an Automaten daddeln. Das Fernsehen läuft wenig beachtet vor sich hin, der Billardtisch steht verwaist in der Ecke. Besonders typisch ist die Bar „Paradiso“ durch ihre Besitzer, denn es sind Chinesen. Von ihrer neuen Welt handelt Andrea Segres Film „Io sono Li“, der jetzt in ganz Italien Besuchermassen anzieht und unlängst auf den Filmfestspielen am venezianischen Lido, quasi in Sichtweite von Chioggia, gefeiert wurde.

          Die Geschichte ist simpel, beinahe melodramatisch und erzählt von der jungen Chinesin Shun Li, die in norditalienischen Textilfabriken chinesischer Provenienz rackert, um ihren kleinen Sohn aus dem Heimatland nachkommen zu lassen. Als sie in die Bar „Paradiso“ versetzt wird und sich schnell die Dialektausdrücke für maritime Speis und alkoholischen Trank der Fischer aneignet, beginnt eine bittere Romanze mit dem alten Bepi, der sozusagen die entgegengesetzte Geschichte zur agilen chinesischen Zuwanderung durchmacht. Verwitwet, die Kinder sind aufs Festland gezogen, ist ihm wie vielen Kollegen in der Einsamkeit der Rente nurmehr das Fischen zu eigenem Spaß geblieben. Zwei Isolierte – die eine jung und ohne Ruhetag, der andere alt und ohne Beschäftigung – freunden sich an. Was beide Gemeinschaften, die italienische und die chinesische, brutal zu verhindern wissen.

          Dichterfest im Hinterzimmer

          „Io sono Li“ ist im Italienischen ein Wortspiel und bedeutet „Ich bin Li“, doch gleichermaßen „Ich bin hier“. Dieses Hier hat der junge Regisseur Andrea Segre, der bisher nur Dokumentarfilme produziert hat, in der Tradition des großen italienischen Kinos der Neorealisten eingefangen und unterscheidet sich damit markant von den oft kitschigen und pompösen Studioproduktionen vieler Kollegen. Segre zeigt ein Italien, wie es kein Tourist erlebt: mit Schwenks durch riesige Kleidermanufakturen chinesischer Frauen, mit heruntergekommenen Hinterzimmern, in denen die Arbeitssklaven zum Dichterfest die schwimmenden Kerzen in einer schmuddeligen Badewanne schwimmen lassen, mit chinesischen Großmärkten. Und nicht zuletzt mit einer penibel eingespielten „Organisation“, welche jedem Chinesen ein Arbeitspensum, einen Wohnort und eine Zeitplanung vorgibt, der sich alle unterwerfen müssen. Während andere Filmer und sogar Journalisten streng aus dem Schattenalltag der chinesischen Immigration gedrängt werden, konnte Segre überraschend offen von der Anonymität der einzelnen Arbeiterinnen, von den Massenunterkünften und von der maschinenhaften Planung der Einwanderung berichten. Zwar herrscht hier nur das Geld, doch nicht alles ist inhuman. So kommt am Ende Shun Lis kleiner Sohn tatsächlich gegen Bezahlung nach Italien, während eine andere Chinesin inzwischen die Bar „Paradiso“ übernommen hat.

          Szene aus dem Film „Io sono Li“
          Szene aus dem Film „Io sono Li“ : Bild: Simone Falso

          Sie arbeitet auch an diesem warmen Herbsttag in Chioggia hinter der Theke, denn Liu Hayan steht nicht mehr im Dienst der „Organisation“, sondern konnte sich nach Jahren der Ausbeutung selbständig machen. Bis hin zu den chinesischen Buntdrucken an der Wand ist bei ihr alles wie im Film, sogar einige der Stammkunden des Kinofilms – wie der schnurrbärtige Fischer „Baffo“ – trinken ihren mittäglichen Spritz beim Chinesen und schwadronieren wie im Film von der unbegreiflichen Einwanderung all dieser „Cinesi“, die ihnen Wein einschenken.

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