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IT & Autismus : Denk doch mal anders

1988 fing alles an: Dustin Hoffman als Autist und Tom Cruise als sein Bruder in „Rain Man“. Bild: dpa

Immer mehr IT-Firmen beschäftigen Autisten. Ein Zukunftsmodell? Oder ein Trugschluss, der dem Mythos vom Genie erliegt? Eine Abwägung.

          Vor rund zehn Jahren stellte das amerikanische Magazin „Wired“ eine rätselhafte „Asperger-Epidemie“ im Silicon Valley fest. Die Diagnosen bei Kindern hatten sich im Laufe der neunziger Jahre verdreifacht, die Software-Branche schien schon damals ein attraktives Umfeld für Menschen zu sein, die unter dieser milden Form des Autismus leiden. Das verbreitete Image der Computer-Nerds, das Bild von hochintelligenten und fanatischen, sozial aber etwas gestörten Personen, entspricht so sehr den Verhaltensweisen der „Aspies“, wie sich die Betroffenen selber nennen, um die diskriminierende Bezeichnung „Patienten“ zu vermeiden, dass im Silicon Valley der Witz kursiert, das Internet sei überhaupt nur von Aspies für Aspies erfunden worden.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im Herzen der Computerbranche jedenfalls gilt Autismus keineswegs als die Behinderung, als die das Symptom in anderen Teilen der Gesellschaft noch gesehen wird. Viele Programmierer dürfte daher auch wenig überrascht haben, was die Softwarefirma SAP jetzt ankündigte: Bis zum Jahr 2020 wolle das Unternehmen ein Prozent seiner Belegschaft mit Autisten besetzen. Der amerikanische Wirtschaftprofessor Tyler Cowen etwa, der schon seit ein paar Jahren dafür plädiert, die Besonderheiten von Autisten als zeitgemäßes Talent anzuerkennen, glaubt, dass die Quote längst erfüllt sei, auch ohne offizielle Diagnose. Interessanter ist deshalb die Frage, welches Motiv hinter der Ankündigung von SAP steckt: Geht es dem Unternehmen in erster Linie um ein soziales Engagement? Oder um den Aufbau einer Armee von Supernerds, eine Art menschliche Geheimwaffe? Erhofft sich die Firma vom Andersdenken der Autisten Geniestreiche, die „normal“ arbeitende Hirne nur in Ausnahmefällen hervorbringen - oder setzt man eher auf ein besonderes Talent für die Bewältigung ermüdender Routineaufgaben? Oder ist das Ganze nur eine Marketing-Kampagne, die ihre Kraft aus dem Mitleid für die Betroffenen der vermeintlichen Krankheit und aus der Ehrfurcht vor ihren Fähigkeiten zieht?

          Das Symptom der Nerds

          Die Unterstellung mysteriöser Inselbegabungen ist spätestens seit Barry Levinsons Film „Rain Man“ aus dem Jahr 1988 ein verführerischer Topos der öffentlichen Einschätzung autistischer Menschen. Spektakuläre Beispiele wie die des Rechengenies Daniel Tammet, der 22514 Ziffern der Zahl π auswendig kann und in nur einer Woche Isländisch lernte, die des Jazz-Wunderkinds Matthew Savage, der sich mit sechs Jahren selbst das Klavierspielen beibrachte, oder jenes des amerikanischen Künstlers George Widener, dessen Zahlenbilder gerade im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sind, sie nähren den Mythos, dass in jedem Autisten ein außergewöhnliches intellektuelles Potential steckt. Für manche gelten die herausragenden Leistungen bekannter Genies fast schon als ein Indiz für das Asperger-Syndrom.

          Das Rechengenie Daniel Tammet lernte in nur einer Woche isländisch.

          Der irische Psychiater Michael Fitzgerald hat in seinen Büchern unter anderem Ludwig Wittgenstein und Immanuel Kant eine retrospektive Diagnose ausgestellt, aber auch Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Glenn Gould. Auf anderen Listen finden sich Isaac Newton, Nikola Tesla oder, natürlich, Albert Einstein. Dass auch Nerds wie Bill Gates und Marc Zuckerberg einer Ferndiagnose nicht entkommen können, verwundert kaum. Die Softwarebranche scheint wie geschaffen für die Stärken der Aspies, für ihre Genauigkeit, Konzentrationsfähigkeit oder die Gabe zum Erkennen von Details. Und trotzdem wäre es ein Trugschluss, umgekehrt in jedem Autisten ein Computergenie zu vermuten.

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