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Ist Narzissmus eine Störung? : Streichle dich selbst!

  • -Aktualisiert am

Wissenschaftler fordern, den Narzissmus aus der Liste der Persönlichkeitsstörungen zu streichen. Für die Medizin wäre das womöglich kein Verlust. Für die Kultur schon eher.

          Hat der Mann, der den Narzissmus abschaffen will, womöglich selber ein Narzissmusproblem? Professor Doktor Peter Fiedler baut sich, sehr selbstbewusst, hinter dem Rednerpult auf, stellt das Mikrofon auf seine Sprechhöhe ein und ruckelt ein paarmal daran. „Bin ich einigermaßen gut zu verstehen?“, fragt er in den Saal. Die Antwort wartet er gar nicht ab: „Ich hör’ mich selber. Das ist schon mal wichtig!“

          Es ging, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde im vergangenen Herbst, um eine Reform der Klassifizierung von Persönlichkeitsstörungen. Die klinische Diagnostik kennt, je nach Auslegung, um die dreizehn Hauptstörungen (darunter die schizoide, die dissoziale oder die paranoide). Einige davon sollen nach dem Willen von Koryphäen wie Professor Fiedler in der für Mai 2013 geplanten fünften Auflage der psychotherapeutischen Klassifikationsbibel „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ wegfallen. Der Narzissmus stand auf der Streichliste.

          Wer wäre frei davon?

          Aufgebrachte Analytiker, die ohne das Freudsche Mythentrio Ödipus, Narziss und Elektra nicht auskommen mochten, verhinderten die Abschaffung des Narzissmus in letzter Minute. Viele Verhaltenstherapeuten waren ihrerseits empört darüber. Sie bezweifeln sehr heftig, dass es das überhaupt gebe: die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

          Eine Welt ohne Narzissmus, das hört sich erst mal unglaublich an: Was wird denn da aus der Psychologie? Und was aus dem populärpsychologischen Small Talk? Wissenschaftliche Standardwerke behaupten doch seit den so hedonistischen wie hedonismuskritischen siebziger Jahren, dass unsere Gesellschaft immer narzisstischer werde: Heinz Kohut 1971 in seinem Buch „Narzissmus“, Christopher Lasch 1979 in „Das Zeitalter des Narzissmus“ und Richard Sennett 1983 in „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“. Keine Diagnose ist seither tiefer in unsere Alltagssprache eingesickert. Der und der sei narzisstisch, sagen wir, wenn er sich zu oft im Spiegel von Google und Facebook betrachtet. Die und die habe eine Profilneurose, wenn jemand notorisch zu dick aufträgt. Selbst die Depressiven bleiben nicht verschont; denn Ursache vieler Minderwertigkeitskomplexe, lehrt uns die Populärpsychologie, ist ein übersteigertes Selbstwertgefühl: Der Depressive leidet nicht nur an sich selbst, sondern auch daran, verkannt zu sein.

          Könnten Sie mich bitte heilen?

          Man könnte ewig weitere Belege dafür finden, dass der Narzisst kein verhaltensauffälliger Perverser, sondern eher der nette Typ von nebenan ist. Er ist zwar nicht normal, aber Mainstream. Nicht unschuldig daran ist sein anspielungsreicher Name. So gibt es den von Freud als Bezeichnung für eine sexuelle Perversion eingeführten Narzissmus, es gibt die mythische Figur Narziss, von Ovid über Oscar Wilde bis hin zu Hermann Hesse, und es gibt den umgangssprachlichen Narzissmus, der die eitle Schwester meint oder den selbstherrlichen Chef oder den manierierten Schuhverkäufer. Aber soll der Narzissmus, den es so singularisch offenbar nicht gibt und der doch immer noch so etwas wie übersteigerte Selbstliebe, Egoismus oder Autismus meint, als Zivilisationskrankheit wirklich abgeschafft werden?

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