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Ukraine-Konflikt : „Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit“

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Ist denn der Surzhyk heute mehr als nur eine Sprache der Ungebildeten?

Selbstverständlich gibt es in der Zentralukraine, wo der Surzhyk hauptsächlich vorkommt, einige Bildungsferne, die Ukrainisch oder Russisch nie richtig gelernt haben und in allen Situationen Surzhyk verwenden. Nichtsdestoweniger sprechen sehr viele der Leute, die durchaus in der Lage sind, gutes Russisch beziehungsweise Ukrainisch zu sprechen, ebenfalls Surzhyk. Und zwar zu Hause in der Familie und generell in inoffiziellen Kontexten.

Für Weißrussland, wo Russisch die dominierende Sprache ist und es auch eine Mischform gibt, habe ich das mit Unterstützung der Volkswagenstiftung bereits genauer untersucht. Die Mischform ist dort umso häufiger anzutreffen, je mehr der Kommunikationskontext durch Bekanntschaftsverhältnisse geprägt wird. Das heißt, wenn man in einer kleinen Stadt aufs Amt geht und man den kennt, der hinter dem Schreibtisch sitzt, spricht man mit ihm durchaus in der gemischten Form. Mit Fremden aber redet man Russisch.

Für die Ukraine kann ich das noch nicht genau sagen. Dis bisherige Forschung zum Surzhyk hat sich vor allem darauf beschränkt, interessante Einzelfälle zu sammeln. Und unser Forschungsprojekt, das eine breite empirische Basis schaffen soll, hat gerade erst begonnen.

Bei Ihrem Projekt geht es auch um die Frage, ob der Surzhyk für bestimmte Teile der Bevölkerung ein Identifikationspotential bietet. Wie könnte das aussehen?

Nun, es gibt beispielsweise unter den jüngeren Kunstschaffenden in der Ukraine eine Tendenz zu sagen: „Wir wollen weder das Russische als Medium unserer Wortkunst wählen noch das Ukrainische.“ Das hängt damit zusammen, dass sich die ukrainische Standardsprache wegen der Dominanz des Russischen nicht dynamisch entwickeln konnte und als veraltet gilt. Der Surzhyk, den sie im Alltag als Umgangssprache verwenden, scheint ihnen passender, um in Liedern und Literatur von ihrem Leben zu erzählen.

Grundsätzlich gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, wie sich Sprachgruppen über so eine Umgangssprache ohne Schriftform definieren können. In der deutschsprachigen Schweiz beispielsweise ist das Schwyzerdütsch die klassische Identifikationssprache. Auch wenn die Direktoren der größten Schweizer Banken zusammensitzen und einen Deal über eine Milliarde oder mehr abschließen, dann werden sie schwyzerdütsch miteinander sprechen.

Es ist das Mittel zur Kommunikation aller Deutschschweizer. Das ist das Maximum, was eine rein mündliche Sprache erreichen kann. Das Minimum ist das, was wir in Weißrussland beobachten, wo die gemischte Umgangssprache zur Kommunikation mit dem Familien- und Bekanntenkreis dient. Dazwischen gibt es ein riesiges Spektrum, in dem sich auch der Surzhyk in der Ukraine wiederfinden wird. Es geht dabei darum, wie die Menschen die Gruppen definieren, von denen sie sagen: „Hier sind wir unter uns.“

Gerade deswegen könnte der Surzhyk ja auch als Bedrohung gesehen werden, weil er die Versuche unterläuft, Lager anhand der Sprache zu bilden.

Eine gewisse Gefahr der Polarisierung ist da, und der Surzhyk war auch immer Zielscheibe der russischen wie ukrainischen Sprachpuristen. Aber ich sehe das nicht so dramatisch. Ich war vor ein paar Wochen in Kiew und auch auf dem Majdan. Bei den Ansprachen, die ich dort gehört habe und die durchgehend pro-ukrainisch waren, war es keineswegs so, dass die auch nur auf Ukrainisch gehalten worden wären.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Redner, der zunächst Ukrainisch sprach und dann sagte, er fühle sich wesentlich sicherer im Russischen und werde daher ins Russische wechseln. Da gab es überhaupt keine negativen Reaktionen. Der Konflikt zwischen den Sprachen wird zwischen politisch Interessierten ausgetragen. Ich sehe aber keine Gefahr, dass in der breiten Bevölkerung die russischsprachigen Ukrainer - ob Ukrainer oder Russen - jetzt als Vaterlandsverräter verdammt werden.

Die Fragen stellte Christoph Borgans.

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