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Israelische Militäraktion : Zwanghaft wie eine Marionette

  • Aktualisiert am

Ein Palästinenser bei einem schwimmendes Zeichen der Trauer: Bei der israelischen Militäraktion starben neun Menschen Bild: AP

In der Falle und selbst Schuld: Das brutale Vorgehen der Armee zeigt, wie tief Israel gesunken ist - der israelische Schriftsteller David Grossman zu der Militäraktion in internationalen Gewässern.

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          Keine Erklärung kann das Verbrechen von Montagmorgen rechtfertigen oder reinwaschen, kein Argument kann uns die Torheit, mit der Regierung und Armee vorgegangen sind, begreiflich machen. Der Staat Israel hat seine Soldaten nicht entsandt, um kaltblütig Zivilisten zu töten; das war das Letzte, was er wollte. Und dennoch ist es einer kleinen religiös-fanatischen, israelfeindlichen türkischen Organisation mit der Unterstützung von einigen Hundert Friedens- und Gerechtigkeitssuchern gelungen, Israel in eine Falle zu locken. Diese Organisation hat Israels Reaktion genau abgeschätzt; sie wusste sehr wohl, dass Israel unweigerlich so handeln würde, wie es dann auch gehandelt hat: zwanghaft wie eine Marionette.

          In welchem Maße verunsichert, verwirrt, verschreckt muss ein Staat sein, der so vorgeht! Unter Einsatz brutaler militärischer Macht töteten und verwundeten unsere Soldaten - nicht anders als eine Piratenbande - Zivilisten außerhalb der israelischen Hoheitsgewässer. Diese Einschätzung der Lage bedeutet nun aber keinesfalls Zustimmung zu den offenen oder verdeckten, oft hinterhältigen Motiven einiger Mitreisender des Konvois. Nicht alle Passagiere waren humanitäre Friedensfreunde; die Erklärungen einiger, die die Zerstörung Israels zum Thema hatten, dürfen sogar als verbrecherisch eingestuft werden. Doch diese Fakten sind momentan nicht relevant. Meinungsäußerungen solcher Art werden, soweit bekannt, noch nicht mit dem Tod bestraft.

          Streitpunkt Gazastreifen

          Israels vorgestriges Vorgehen ist nichts als die unausbleibliche Folge der unseligen Belagerung des Gazastreifens, die ihrerseits nichts anderes ist als die unausbleibliche Folge des machtstrotzenden Gebarens der israelischen Regierung, die anderthalb Millionen unschuldiger Menschen das Leben vergällt, um die Herausgabe eines einzigen - wenn auch teuren und allseits geliebten - Soldaten zu erwirken. Und auch jene Blockade ist nur das unausweichliche Resultat einer rigiden Machtpolitik, die an jedem entscheidenden Kreuzweg, immer dort, wo Weisheit, Feingefühl und kreatives Denken vonnöten wären, unweigerlich auf Ausübung exzessiver Gewalt zurückgreift.

          Der israelische Schriftsteller David Grossman hat sich immer wieder kritisch mit dem Nahost-Konflikt auseinandergesetzt

          Irgendwie scheint all das Unheil, einschließlich der tödlichen Ereignisse von Montagmorgen, Teil einer um sich greifenden Korrumpierung zu sein. Man hat das Gefühl, ein aufgeblähtes verkommenes System geriete angesichts der Brühe, die es sich innerhalb von Jahrzehnten selbst eingebrockt hat, in Panik, verzweifele an der Unmöglichkeit, die unendlichen Verstrickungen je zu entwirren, versteinere zusehends, versage vor den dringenden Anforderungen einer komplexen Realität und habe seit langem die Frische, Originalität und Kreativität eingebüßt, die Israel und die israelische Führung früher einmal auszeichneten. Die Belagerung des Gazastreifens ist zum Scheitern verurteilt. Sie scheitert nun schon seit vier Jahren. Was bedeutet: Sie ist nicht nur unmoralisch, sie ist nicht einmal effektiv. Sie verschlimmert die Lage nur noch, wie wir in diesen Tagen wieder einmal erfahren müssen, und fügt Israels ureigensten Interessen irreparablen Schaden zu.

          Lautstarke Anklage gegen die Welt

          Den Verbrechen der Hamas-Führer - sie halten Gilad Schalit seit vier Jahren in Haft, ohne dem Roten Kreuz auch nur einen Besuch bei ihm zu gewähren, sie haben aus dem Gazastreifen Tausende von Raketen auf israelische Siedlungen abgefeuert - muss entschieden entgegengetreten werden, und zwar mit allen legalen Mitteln, die einem souveränen Staat zur Verfügung stehen. Die andauernde Blockade einer Zivilbevölkerung gehört allerdings nicht dazu.

          Wie gern würde man hoffen, dass das Entsetzen über den vorgestrigen Tumult zu einer Überprüfung der ganzen Boykottidee führen möge; zur längst fälligen Aufhebung des palästinensischen Elends und damit auch der israelischen Befleckung. Doch lehren uns die in dieser tragischen Region gesammelten Erfahrungen, dass genau das Gegenteil eintreten wird. Der Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt, der Kreislauf von Hass und Rache ist am Montag in eine neue Runde von unabsehbarem Ausmaß eingetreten.

          Die Wahnsinnsaktion zeigt vor allem anderen, wie tief Israel gesunken ist. Dem braucht nichts hinzugefügt zu werden. Wer Augen zum Sehen hat, sieht es, jeder versteht und erspürt es. Schon erheben sich Stimmen, die die (natürlichen und berechtigten) Schuldgefühle vieler Israelis flugs in eine lautstarke Anklage gegen die ganze Welt verwandeln wollen. Die Scham aber werden wir nicht so einfach abstreifen können.

          Der israelische Schriftsteller, geboren 1954 in Jerusalem, veröffentlichte zuletzt den Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Immer wieder hat er sich kritisch mit dem Nahostkonflikt auseinandergesetzt. 2006 forderte er gemeinsam mit Abraham B. Jehoshua und Amos Oz von Israel das sofortige Ende der Kämpfe im Libanon. Wenige Tage später, am 12. August 2006, starb sein Sohn im Südlibanon, als dessen Panzer von einer Rakete getroffen wurde. Der vielfach ausgezeichnete Autor lebt mit seiner Familie bei Jerusalem.

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