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Israelische Enteignungspraxis : Eine aktuelle Hiobsbotschaft

  • -Aktualisiert am

Moschee im Stadtviertel Silwan Bild: dpa

Hier ist nichts und niemand mehr zu retten: Wie in Jerusalem eine palästinensische Familie um ihr Haus gebracht worden ist.

          3 Min.

          Kommen Sie gut durch die Nacht! Mit diesem Spruch pflegte der Tagesthemen-Kommentator seine Fernsehzuschauerinnen zu verabschieden. Inzwischen hat sich der Gruß erweitert und lautet: „Kommen Sie gut durch den Tag!“ Eine Voraussetzung dafür ist das Wegschauen. Die Medien konfrontieren uns mit dem Elend der Welt, das wir ohnmächtig an uns vorbeiziehen lassen. Wegschauen ist der eingespielte Reflex, den wir ständig benötigen, um uns nicht den Mut nehmen zu lassen und weiter zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Aber es gelingt mir nicht, von einer Geschichte wegzuschauen, die ich hier einfach weitergeben muss.

          Obwohl es noch nicht einmal Hoffnung gibt, dass das Weitererzählen dieser Geschichte irgendeine Wirkung haben wird. Hier ist nichts und niemand mehr zu retten. Dennoch: umso wichtiger, dass wir nicht wegschauen und wenigstens bekannt wird, was wir da gerade übersehen. Ein kleiner Aufschrei gegen die Ohnmacht des Schweigens.

          Das Wohnrecht entzogen

          Die Geschichte der Familie Sumarin erfuhr ich von David Shulman, einem berühmten Indologen an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Empfänger des „Israel-Preises“, aber auch Mitglied von Ta’ayush, einer engagierten Gruppe der israelischen Zivilgesellschaft, die sich für das Recht der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten einsetzt. In seinem Blog erzählt er von seinem letzten Besuch bei der Familie Sumarin, die seit Generationen in Wadi Hilwe in Silwan, einem Stadtteil in Ostjerusalem, lebt. Hier soll sich die biblische Geschichte von Hiob zugetragen haben. In Wadi Hilwe wurde kürzlich ein Besucherzentrum der Siedler-Gruppe El’ad errichtet, in dem sie Schulkindern und Touristen ihre nationalistische Geschichte über diesen Ort erzählt, den sie „die Stadt Davids“ nennt. Direkt neben dem Besucherzentrum steht das stattliche Steinhaus der Sumarins.

          David Shulman hat die arabische Großfamilie oft dort besucht. Der Großvater hat das Haus in den fünfziger Jahren gebaut. Er starb 1982, nach 1989 lebten seine drei Söhne außerhalb Israels und Palästinas. Diese Tatsache erlaubte es der Regierung, das Haus der Familie in die Hände eines staatlich eingesetzten „Wächters verlassenen Eigentums“ zu geben, und zwar mit Hilfe eines notorischen Gesetzes, das immer wieder zur Enteignung palästinensischen Grundbesitzes eingesetzt wird. Der Wächter übereignete Haus und Grundstück dem Jüdischen Nationalfonds. Immerhin wurde der Neffe des Großvaters, der bereits seit langem mit Frau und Kindern in dem Haus wohnte und sich um den Onkel gekümmert hatte, noch als legitimer Bewohner anerkannt. Als aber dieser Neffe 2015 starb, entzogen die israelischen Behörden seiner Witwe sowie den Kindern und Enkeln das Wohnrecht und ordneten die Evakuierung an. Die Familie wehrte sich mit allen rechtlichen Mitteln gegen diese Entscheidung. Im September 2019 wurde das Urteil durch den Jerusalem Magistrate Court bestätigt; eine weitere Beschwerde der Großfamilie wurde am 30. Juni abgewiesen.

          Ein bösartiger Akt

          Israelische Menschenrechtsaktivisten haben nicht weggeschaut. Sie haben den Fall der Sumarins über Jahre verfolgt und taten, was sie konnten, um die Ausweisung der Familie zu verhindern. Sie haben viele Freunde im In- und Ausland mobilisiert, um ihren Protest zu unterstützen. In diesem Zusammenhang habe auch ich meinen ersten Brief an den Jüdischen Nationalfonds in New York geschrieben. Inzwischen sind dort viele Briefe eingegangen, aber es liegt auch die letzte Entscheidung der Behörde vor: Die Sumarins haben den Jahrzehnte andauernden Kampf um ihr Haus und Eigentum verloren.

          Dazu David Shulman in seinem Blog: „Heute kam die schlechte Nachricht vom Jerusalemer Gericht, die den Einspruch der Sumarin-Familie in Wadi Hilwe gegen ihre Ausweisung aus ihrem Haus durch den Jüdischen Nationalfonds abgewiesen hat. Seit vielen Jahren haben ich und meine Aktivisten-Freunde viel menschliche Bosheit in Aktion gesehen. Aber in diesem bösartigen Akt erlebe ich etwas so schreiend Grausames, ja Unmenschliches, dass es mich mehr schmerzt und erzürnt als je zuvor. So weit sind wir also gekommen. Ein ungerechtes Gesetz wird von der Regierung, den Siedlern und Gerichten gedreht und manipuliert im Interesse eines rassistischen und fundamentalistischen Nationalismus. In Trauer, David.“

          Das nenne ich eine aktuelle Hiobsbotschaft! Was die Familie Sumarin in diesem Fall zu verlieren hat, ist offensichtlich. Aber auch Israel hat etwas zu verlieren, und das ist sein guter Ruf als Rechtsstaat.

          Aleida Assmann ist Kulturwissenschaftlerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann erhielt sie 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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