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Israel-Boykott : Einladung zum Hass

Scarlett Johanssons Mund, mit dem ein Wassersprudler beworben wurde. Das finden die Boykotteure Israels nicht sexy, denn der Hersteller saß viele Jahre auch im Westjordanland. Bild: Reuters

Wollen sie Israel auslöschen? Wollen sie Frieden? Eins ist sicher: Die undurchschaubare Bewegung BDS verbreitet mit ihren Boykottaufrufen auch viel zu viel Hass.

          7 Min.

          Es war im März, und es war in Berlin: Vor einem Kino stehen Menschen, Menschen mit Fahnen Israels, Menschen mit Palästina-Fahnen, getrennt durch eine Straße, getrennt durch Polizei. „Kindermörder“, schreit eine Frau zur Seite des Blau-Weiß, sie krümmt sich vor ihren Schreien. Dann übernimmt ein Mann. Auch er schreit „Kindermörder“, danach „Ihr seid Apartheidsschweine“, und dann schreit er: „Ihr Söhne Hitlers“.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war im Mai, am ersten, es war wieder Berlin. Schwarze und schwarzverwaschene Kapuzen marschieren, wie sie am 1. Mai marschieren. Am Rand sitzen drei Männer mit einer kleinen Fahne Israels. Eine junge Frau stürzt sich auf sie und auf die Fahne. Ein Chor hilft ihr mit Schreien, mit „Free Palestine“-Gebrüll und mit Attacken auf die drei. Und dann mit einem Satz: „Lang lebe die Hamas.“

          So weht der Hass durch deutsche Straßen, der Hass auf Israel, auf Juden, das zeigt das Internet, es reicht, drei Buchstaben zu drücken in die Tastatur: BDS. BDS, das war zuerst, 2005, ein Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft. BDS, das ist jetzt international: eine Bewegung, die Druck auf Israel ausüben will, die für die Rechte der Palästinenser kämpft. BDS, das lebt auch in Berlin, und BDS hat vielleicht Schuld am Hass, der durch die Straßen wehte. Zwar waren jene Hasser vom März, vom Mai keine Offiziellen dieser BDS, doch waren es die Treffen, die BDS organisierte und mitorganisierte. BDS, das bedeutet Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen. BDS, das ist eine Kampagne gegen Israel, vielleicht sogar gegen die Existenz von Israel an sich.

          Boykott sei eine Form von Dialog

          BDS, das ist doch nicht so schlimm, denke ich in einem Café in einem Gespräch mit einem jungen Israeli. Seltsame lange Tische draußen, seltsame kalte Sonne, normales Kreuzberg-Publikum. Yossi Bartal erklärt die BDS, erklärt sie mit so weichen Worten, dass ich den Hass aus dem Youtube-Video vergesse. „BDS steht für Gewaltfreiheit, steht für friedliche Lösungen und für gleiche Rechte für alle“, sagt er, und mein Kopf nickt, weil Frieden jeder Kopf abnicken kann und muss. Seit zehn Jahren lebt Bartal in Deutschland, er engagiert sich für einen jüdischen Verein, der sich wiederum für die BDS-Bewegung engagiert. Warum? „Boykott ist eine Form von Dialog“, sagt er, ohne den Widerspruch zu bemerken, und dreht sich eine Zigarette, zu schnell, zu krumm deshalb.

          Sich ein Gespräch zu wünschen, vielleicht nicht wie Bartal es denkt, ist richtig. Denn es ist falsch, dass Siedler amoksiedeln, dass Menschen unter der Besatzung leben, dass es Diskriminierung gibt in Israel. Die BDS-Taktik gegen all das geht so: Man zwingt die Mächtigen, was Mächtiges zu klären – keine Gewalt im Nahen Osten mehr. Und jeder auf der Welt kann da mitmachen und mitzwingen. Man kauft keine Produkte mehr aus Siedlungen, aus der Besatzung, zum Beispiel den mit diesem Mund von Scarlett Johansson beworbenen Sprudler der Marke Sodastream, die viele Jahre auch im Westjordanland saß. Man verhindert den akademischen Austausch. Man zieht Geld ab aus Israel. Man fordert Sanktionen. Und auch noch einen kulturellen Boykott. Für diesen Boykott steht zum Beispiel Roger Waters auf, dieser Ex-Pink-Floyd-Mann, der strebsam Boykott-E-Mails tippt. An Jesse Hughes von Eagles of Death Metal schrieb er im letzten Jahr, er wollte einen Eagles-Auftritt in Tel Aviv verhindern. „Fuck you“, schrieb Jesse Hughes zurück. So funktioniert auch eine Form von Dialog.

          Wenn Menschen sagen, Israel sei ein „Apartheidsregime“

          Die „Ihr seid Kindermörder“-Form, die durch Berliner Straßen zog, erklärt jetzt Yossi Bartal: „Man kann über diesen Konflikt nicht sprechen, ohne Ressentiments hervorzurufen.“ Anders als Bartal erklärt das Internet sich diese Tage. Den 1. Mai zum Beispiel beschreibt die Stellungnahme des sogenannten „Internationalistischen Blocks“, zu dem auch BDS gehört, dann so: „Zweifelsohne wollten die Zionisten eine aufgeladene Situation für die revolutionäre Demonstration vorbereiten, um eine Auseinandersetzung zu provozieren.“ Die „aufgeladene Situation“ fing, wie erwähnt, mit der kleinen Fahne Israels an, auf die sich eine Frau gestürzt hat, wie erwähnt. Wurde sie provoziert durch diese Fahne? Warum? Weil diese Fahne Israel symbolisiert? Weil diese Frau die Existenz von Israel als eine Provokation empfindet?

          Ein Boykottaufruf im Westjordanland
          Ein Boykottaufruf im Westjordanland : Bild: AFP

          „Wir haben keine Kontrolle über jeden, der auf einer Demo mitläuft“, sagt eine andere Aktivistin an einem anderen Tag in einem anderen Café, diesmal im Schick von Biosupermarkt-Einkäufern. Sophia Deeg von der Berliner Dependance der BDS-Kampagne. Über die „Provokationen“ spricht sie nicht, spricht dafür über andere Sachen, spricht vom „Apartheidsregime“ Israel. Dass es in dem angeblichen jüdischen Apartheidsstaat arabische Studenten, Abgeordnete und Richter gibt – das alles zählt nicht für Sophia Deeg. Vielleicht ist es ihr nur zu wenig. Deeg ist Ex-Lehrerin, Ex-Journalistin, heute Übersetzerin. Sie redet ruhig, „hysterische Debatten“ mag sie nicht, auch die Bewegung würde dem entgegentreten, sagt sie und fährt durch ihre Haare, schöne und glänzende und graue Haare, Brigitte-Bardot-mäßig zusammengebunden. Doch andere Aktivisten sind da anders. Ronnie Barkan, Gesicht der israelischen Bewegungs-Dependance, sagt beispielsweise Sätze wie: „Die größte antisemitische Kraft in der Welt ist heute der Staat Israel.“ Und er versucht es auch mal mit Vergleichen von Gaza und KZ, doch tut dann so, als wäre es nur ein Versprecher. „Er ist ein israelischer BDS-Aktivist und untypisch für BDS-Berlin“, sagt Deeg, und ihr Gesicht ist eine einzige Entschuldigung.

          Wie löscht man denn mit Öl ein Feuer?

          Das Gesicht Nadine Taufiks, auch BDS-Berlin, ist eher eine Pressemappe. Neues Café, das alt und weiß-gekachelt ist, und immer noch das gleiche Thema. „BDS ist der beste Weg, antisemitische Tendenzen zu unterbinden. Denn bei BDS geht es darum, menschenrechtliche Versprechen einzulösen“, sagt sie. Wie löscht man denn mit Öl ein Feuer? Das sage ich nicht, sage: Wie soll das gehen? „Den meisten fehlt es nicht an Betroffenheit, sie sehen die Bilder aus Gaza, sie haben Wut. Doch vielen fehlt es an einem politischen Bewusstsein und an einer korrekten Handlungsmöglichkeit. Und BDS schafft das Bewusstsein. Jeder kann sich an BDS beteiligen, unabhängig, wo er oder sie lebt“, sagt Nadine Taufik.

          In echt heißt Nadine Taufik anders, sie ist Juristin, deswegen will sie in der Zeitung Taufik heißen. So oder so ist sie geboren in Berlin, und ihre Eltern sind Palästinenser. Taufik sieht aus wie eine junge Sarah Silverman, vielleicht ein idiotischer Vergleich. Sie sagt juristenhafte Sätze. Und ich sage jetzt nur „Hamas“. Es ist ein Spiel, das Distanzieren-Sie-sich-von-der-Hamas-Spiel. Die Regeln sind sehr einfach: Ich sage Hamas-Sätze aus dem Bauch, und Nadine Taufik muss sich distanzieren.

          Nachdem die zwei Cousins aus Hebron Menschen in Tel Aviv abknallten wie der IS, schrieb Ismail Hanija, ein Hamas-Führer, auf Twitter „Ruhm und Glückwünsche den Einwohnern Hebrons“. Was sagt BDS dazu? „Die Bewegung ist so formuliert, organisiert, dass es keinen Anlass gibt, sich von politischen Parteien zu distanzieren.“ Darauf noch mehr Hamas-Zitate. „Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen“, sagt die Juristin dann mit einem Ich-weiß-alles-Blick, „Sie wollen, dass ich mich von der Hamas distanziere.“ Ich nicke heftig. „Als Nadine Taufik kann ich es und mache es. Doch das kann ich für BDS nicht sagen, denn die Bewegung sagt nichts zu einzelnen Parteien.“ Ich bin halb zufrieden, halb enttäuscht. Denn BDS bleibt immer nur halb klar, auch dann, als Taufik erklärt: „Diese Bewegung hat keine konkrete Vision, wie Israel-Palästina aussehen soll, aber konkrete Forderungen. Und diese Forderungen haben wir nicht erfunden, sie sind im internationalen Recht verankert.“

          „Ein Großteil dieser Bewegung will Israel beseitigen“

          Die Forderungen, sie gehen so: Abriss der Mauer und Ende der israelischen Besetzung. Anerkennung und völlige Gleichheit der arabisch-palästinensischen Bürger in Israel und Schutz und Förderung der Rechte „der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückzukehren“.

          Das alles heißt zusammen eins: das Ende Israels. Denn würden diese Millionen Flüchtlinge in Israel ankommen, wären die Juden eine Minderheit des Landes, und dieses Land wäre dann alles andere, nur nicht Israel. So ist es eine klare, konkrete Vision einer Gesellschaft, eines Landes. Sogar Noam Chomsky und Norman Finkelstein, die Superkritiker Israels, kritisieren deshalb die Bewegung. „Das ist ein Geschenk an israelische Hardliner. (...) Wenn man wirklich Palästinenser hasst, dann ist es ein guter Schritt“, so Noam Chomsky. Dass BDS zu Israel nichts sage, sei kein Versehen, sagt Finkelstein, „denn ein Großteil dieser Bewegung will Israel beseitigen“. Und das kann man auch lesen, hören, sehen in Interviews mit prominenten Boykotteuren, die oft und offen das Ende Israels besprechen. Auch einer der Begründer, Omar Barghouti, sagt, dass das Ziel nicht zwei Staaten seien. „Er sagt das als Privatperson“, verteidigten ihn Aktivisten, die mir das Nicht-Konkrete so verkaufen wollten, in den Cafés, in Treffen in Berlin.

          Und in den Straßen in Berlin? Da leben auch Privatpersonen, sie laufen herum, sehen BDS-Plakate, auf denen Sachen stehen wie „Israeli Apartheid Week“ oder „End Israeli Impunity“. Und dann kommt es zu einer Stimmung, in der sich der Hass aufdreht. Er fällt nicht einfach so aus diesen grauen Wolken über Deutschland, er lebt in den Privatpersonen, und er lebt da lange. Doch in den BDS-Ansagen sehen diese Menschen Zustimmung, Gemeinschaft. Und dann hassen sie heftiger und lauter.

          Sie rufen Boykott, es kommt Hass

          Das alles schadet Israel zwar nicht, das zeigt die Wirtschaft Israels zum Beispiel. Seitdem es die Bewegung gibt, haben Investitionen sich aus dem Ausland fast verdreifacht. Das alles schadet Deutschland, das zeigen zum Beispiel die Hasser in Berlin. Man könnte das natürlich übersehen, denn man sieht überall ganz anderen Hass und viel: Die Linken hassen Rechte. Die Rechten hassen Linke, oder sie hassen den Islam oder die Ausländer und Flüchtlinge und manchmal sogar alles. Dann hassen erdoganberauschte Türken die anderen Türken, und diese anderen Türken hassen die erdoganberauschten. Und seit dieser EM hassen jetzt Putinfreunde wieder mal lauter Putinfeinde, und die hassen zurück. Ist das denn nicht für den Moment und für ein Land genug?

          Sehen denn die Boykotteure nicht, dass Hass kommt, wenn sie Boykott rufen, und kein Frieden? Sie sehen es. Sie stehen da und sehen zu. So wie an diesem einen Tag im März. Das Internet zeigt es. Während der Kindermörder-Brüller „Kindermörder“ brüllt, stehen BDS-Aktive herum mit ihren Fahnen, reden gelassen miteinander und lassen brüllen. Vielleicht haben sie Angst, diesen Titanen anzusprechen, zu groß ist er, zu laut. Vielleicht denken sie auch, dass diese Situation keine konkrete ist, weil sie von BDS das Nicht-Konkrete lernen. Vielleicht hat, wenn ein Ausländer zu Juden „Kindermörder“ sagt, das nichts mehr mit dieser authentischen Antisemiten-Ritualmord-Mär zu tun. Vielleicht sind aber die Aktiven, nachdem die Kamera aus war, zu dem Titanen gegangen und haben ihm ganz BSD-haft politisches Bewusstsein eingeimpft. Und vielleicht sagt er heute, wenn er die israelische Regierung kritisieren will, nicht mehr „Apartheidsschweine“, „Söhne Hitlers“. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Nur eins ist sicher: Es gibt zu viel Vielleicht und zu viel Hass. Um diese BDS. In diesem Deutschland.

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