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Islamkritiker-Debatte : Man wird doch mal hetzen dürfen

  • -Aktualisiert am

Türkische Frauen am Rande einer Demonstration der Bürgerbewegung „Pro Köln” Bild: dapd

Während Politiker debattieren, ob der Islam zu Deutschland gehöre, verleiden die Starautoren des islamkritischen Zirkus deutschen Muslimen das Leben in diesem Land. Welche Darstellung von Islam und Migration wird sich durchsetzen?

          5 Min.

          Was wird übrig bleiben vom Schlachtfeld „Islam in Deutschland“, wenn das Säbelrasseln verklungen ist und sich die Rauchwolken verzogen haben? Werden wir eines Tages auf eine Debatte zurückblicken, die uns geholfen hat, zu entscheiden, in was für einem Land wir leben möchten? Oder wird das Ressentiment gesiegt haben? Das Buch „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners zieht eine erste Bilanz, und nach der Lektüre neigt man der pessimistischen Variante zu. Weniger wegen der sozialen Probleme als wegen der Missstände im Reich der Rhetorik.

          Bahners hat einen demagogischen Zirkus analysiert, dessen Karussell sich munter weiterdreht: In den hysterischen Reaktionen auf sein Buch wiehern die herausgeputzten Pferdchen just so wie von ihm beschrieben. Von den Realitäten des gesellschaftlichen Miteinanders hat sich die Debatte mit dem unzutreffenden Betreff „Islamkritik“ längst befreit: Sarrazin poltert, wie gehabt unter Missachtung der Tatsachen (das Buch sei „sehr zornig“, schrieb er am 19. Februar in diesem Feuilleton, dabei ist es zwar ironisch bissig, aber von „Ingrimm“ keine Spur); Necla Kelek spielt im Licht der hellsten Scheinwerfer die Beleidigte; Henryk M. Broder geht hoch wie ein HB-Männchen, dem man das Rauchen verboten hat.

          Konkrete Vorschläge, wie etwa Migrantenkinder eine bessere Ausbildung erhalten könnten, sind rar gesät, denn, wie Bahners schreibt: „Ein Streit über Alternativen müsste sich um die Mittel drehen. Wenn die Deutschkenntnisse der Kinder schicksalhafte Bedeutung haben, was sind sie uns dann wert?“ So ist es: Für soziale Projekte haben wir bekanntlich kein Geld, das wird von unserem atemberaubend ineffizienten Finanzsystem aufgefressen. Es geht in dieser Wertedebatte auch um das Prestigekapital, das in der Medienwelt ständig vermehrt werden muss. Welche Darstellung von Islam und Migration wird sich auf dem Markt durchsetzen? In diesem Sinne sind die Panikmacher zwar höchst erfolgreiche, aber eher armselige Künstler – die Romane von Emine Sevgi Özdamar oder die Filme von Fatih Akin vermitteln ein erheblich profunderes Bild der hiesigen Realitäten als die Pamphlete einer Necla Kelek.

          Ilija Trojanow
          Ilija Trojanow : Bild: Andreas Pein

          Auf tönernem Wissensfuß

          Die Islamophoben versuchen seit Jahren, die Parameter der Debatte zu beherrschen. Wer widerspricht, verharmlose den Islam, mache sich einer nichtsäkularen Überzeugung verdächtig. Man muss sich aber nur einmal mit dem säkularen somalischen Schriftsteller Nuruddin Farah über die Ikone der Islamophoben, Ayaan Hirsi Ali, unterhalten, um von Widersprüchen zu erfahren, die nicht in das zelebrierte Schema „Freiheit gegen Totalitarismus“ passen. Farah, der von dem einstigen Diktator Siad Barre zum Tode verurteilt und von den Al-Shabaad-Gerichten zur Persona non grata erklärt worden ist, weist im persönlichen Gespräch darauf hin, dass Hirsi Ali regelmäßig Beispiele verabsolutiere. Was in manchen Regionen oder innerhalb gewisser Clans gelte, werde dem Islam an sich vorgeworfen, somit lokale Tradition mit religiösem Dogma gleichgesetzt, was nur damit zu erklären sei, so Nuruddin Farah, dass Frau Hirsi hinsichtlich des Islams eher ungebildet sei. Das schmälert nicht ihren bewundernswerten Mut, aber wenn ihre Aussagen zum Islam landauf, landab als unantastbare Wahrheiten einer Leidenszeugin ins Feld geführt werden, steht die gesamte Debatte auf tönernem Wissensfuß.

          An ruhigeren Tagen behaupten die Demagogen, ihr Angriff richte sich nur gegen jene Migranten, die sich der Integration verweigerten. Sie erhalten Rückenwind von Politikern, die behaupten, Multikulti sei tot. Von solchen markanten Sprüchen fühlen sich allerdings vor allem die bestens assimilierten Migranten, ihre Kinder und Kindeskinder angegriffen (wie die gerade erschienene Anthologie „Manifest der Vielen“ wortgewandt und vielstimmig dokumentiert). In den letzten Monaten habe ich eine Reihe von Zuschriften erhalten, in formvollendetem Deutsch, die dem düsteren Zweifel Ausdruck verliehen, ob dies überhaupt noch „unser Land“ sei.

          Wenn selbst ein Mensch, der in diesem Land geboren ist und dessen Sprache beherrscht, sich solchen Grübeleien hingibt, ist die Lage schlimm. Dass in den europäischen Metropolen viele Menschen aus einem anderen Land stammen (in Wien beispielsweise 45 Prozent), ist als Folge einer Globalisierung, von der gerade die westeuropäischen Wirtschaften enorm profitiert haben, nicht rückgängig zu machen. Man kann nicht zugleich freien Handel und kulturellen Protektionismus haben. Natürlich überfordert und verängstigt dieser urbane Kosmopolitismus manche Menschen, aber die richtige Reaktion wäre, ihnen diese Angst zu nehmen, und nicht, sie zu schüren. Patrick Bahners findet dafür eine treffende Formulierung: „Die Politiker beteiligen sich am Aufwiegeln, um abzuwiegeln, aus Angst vor der Angst.“

          Der Kuschelsound der Gutmenschen

          Die entsetzten und entrüsteten Reaktionen deutscher Muslime und anderer Verinlandeter kann nur nachvollziehen, wer im Alltag bestimmte Erfahrungen gemacht hat, von denen ein Apparatschik wie Sarrazin keine Ahnung hat. Zwar gibt es gewiss Deutsche, die den Kulturrelativismus zu weit getrieben haben, aber diese bilden eine verschwindend kleine Minderheit im Vergleich zu jenen, die auf Straßen und in Geschäften, hinter verschlossenen Türen und in vollen Bierzelten ihre Engstirnigkeit kultivieren. Jeder Migrant kann ein trauriges Lied von nachgeworfenen Beleidigungen singen („Wann kehren Sie wieder nach Hause zurück?“). Ein jeder von uns hat schon einmal mitbekommen, dass er „bestenfalls Ersatzdeutscher“ (Bahners) ist.

          Das Mantra, Deutschland sei zu tolerant geworden, ist eine kolossale Lüge. Bahners hat recht, wenn er den Erfolg Sarrazins mit dem Widerstand des Bürgers gegen einen neuen Anstand erklärt. Das bürgerliche Publikum finde „Geschmack an der Regelverletzung“. Manche Plumpheiten gelten heute als tabu, Negerwitze sind out, und anstatt dies als zivilisatorischen Fortschritt zu betrachten, wird mit Schaum vor dem Mund im Netz das Grundrecht des Spießers eingeklagt: „Man wird doch mal sagen dürfen.“ Die Multikulti-Verächter sprechen vom „Kuschelsound der Gutmenschen“, als sei „der Schlechtmensch“ das erprobte Ideal der Einheimischen. Von jeher betrachtet der Spießer die Erweiterung des individuellen Horizonts als Anbiederung an die Fremde.

          Der Aufruf, zu den eigenen Werten zurückzukehren, appelliert, wenn die Diskussion darüber ausbleibt, welche Werte überhaupt gemeint sind, an die niederen Instinkte. Auf welche Geistesgeschichte berufen sich diese Eiferer? Auf die radikale Toleranz von Lessing? Auf die sufistischen Neigungen von Goethe? Auf die gnadenlose Sprachkritik von Kraus? Kaum ein deutscher Dichter und Denker, der über diese Debatte nicht den Kopf schütteln würde. Hysterie, Apodiktik, Schwarzweißmalerei, Halbbildung – sind das die germanischen Werte, an die wir Migranten uns anpassen sollen? Nein, danke!

          Ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland

          Die Ereignisse der letzten Wochen haben ein weiteres Mal die Trennlinien zwischen westlich und östlich durcheinandergebracht. In Libyen sterben Menschen massenhaft für die Freiheit gegen einen Diktator, den der aufgeklärte Westen hofierte. Im befreiten Osten des Landes entstehen Bürgerkomitees und freie Radiostationen. Woher wissen diese Muslime, tönt es schon, wie man demokratisch agiert? Noch verwirrender ist der Fall Guttenberg, ein Traditionalist wie er im Gotha steht, der uns in Erinnerung rief, dass die Aristokratie eine parasitäre Einrichtung war.

          Wer verteidigt nun die westlichen Werte: Tausende von Wissenschaftlern, die den Betrug beim Namen nennen, oder eine Kanzlerin, die einen Pragmatismus vertritt, mit dem auch Dschingis Khan einverstanden gewesen wäre? Leider wird bei Patrick Bahners erst auf Seite 298 ein entscheidender Punkt eher nebenbei erwähnt: Die Wertkonflikte verlaufen quer zu allen althergebrachten religiösen und kulturellen Identitäten. Mit der komplexen und manchmal widersprüchlichen Vielstimmigkeit des kosmopolitischen Alltags hat die deutsche Integrationsdebatte wenig gemein.

          Worüber reden wir eigentlich, wenn ein Mann mit einem so grausigen Stil und derart kruden Thesen wie Thilo Sarrazin zum Hausautor des einstigen Bildungsbürgertums avanciert ist? Die Demagogie der Panikmacher richtet sich nicht nur gegen den Islam, sondern gegen die Vielfalt im Land; sie schreit ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland herbei. Wahrlich, das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt.

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