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Islamkritiker-Debatte : Man wird doch mal hetzen dürfen

  • -Aktualisiert am

Türkische Frauen am Rande einer Demonstration der Bürgerbewegung „Pro Köln” Bild: dapd

Während Politiker debattieren, ob der Islam zu Deutschland gehöre, verleiden die Starautoren des islamkritischen Zirkus deutschen Muslimen das Leben in diesem Land. Welche Darstellung von Islam und Migration wird sich durchsetzen?

          Was wird übrig bleiben vom Schlachtfeld „Islam in Deutschland“, wenn das Säbelrasseln verklungen ist und sich die Rauchwolken verzogen haben? Werden wir eines Tages auf eine Debatte zurückblicken, die uns geholfen hat, zu entscheiden, in was für einem Land wir leben möchten? Oder wird das Ressentiment gesiegt haben? Das Buch „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners zieht eine erste Bilanz, und nach der Lektüre neigt man der pessimistischen Variante zu. Weniger wegen der sozialen Probleme als wegen der Missstände im Reich der Rhetorik.

          Bahners hat einen demagogischen Zirkus analysiert, dessen Karussell sich munter weiterdreht: In den hysterischen Reaktionen auf sein Buch wiehern die herausgeputzten Pferdchen just so wie von ihm beschrieben. Von den Realitäten des gesellschaftlichen Miteinanders hat sich die Debatte mit dem unzutreffenden Betreff „Islamkritik“ längst befreit: Sarrazin poltert, wie gehabt unter Missachtung der Tatsachen (das Buch sei „sehr zornig“, schrieb er am 19. Februar in diesem Feuilleton, dabei ist es zwar ironisch bissig, aber von „Ingrimm“ keine Spur); Necla Kelek spielt im Licht der hellsten Scheinwerfer die Beleidigte; Henryk M. Broder geht hoch wie ein HB-Männchen, dem man das Rauchen verboten hat.

          Konkrete Vorschläge, wie etwa Migrantenkinder eine bessere Ausbildung erhalten könnten, sind rar gesät, denn, wie Bahners schreibt: „Ein Streit über Alternativen müsste sich um die Mittel drehen. Wenn die Deutschkenntnisse der Kinder schicksalhafte Bedeutung haben, was sind sie uns dann wert?“ So ist es: Für soziale Projekte haben wir bekanntlich kein Geld, das wird von unserem atemberaubend ineffizienten Finanzsystem aufgefressen. Es geht in dieser Wertedebatte auch um das Prestigekapital, das in der Medienwelt ständig vermehrt werden muss. Welche Darstellung von Islam und Migration wird sich auf dem Markt durchsetzen? In diesem Sinne sind die Panikmacher zwar höchst erfolgreiche, aber eher armselige Künstler – die Romane von Emine Sevgi Özdamar oder die Filme von Fatih Akin vermitteln ein erheblich profunderes Bild der hiesigen Realitäten als die Pamphlete einer Necla Kelek.

          Ilija Trojanow

          Auf tönernem Wissensfuß

          Die Islamophoben versuchen seit Jahren, die Parameter der Debatte zu beherrschen. Wer widerspricht, verharmlose den Islam, mache sich einer nichtsäkularen Überzeugung verdächtig. Man muss sich aber nur einmal mit dem säkularen somalischen Schriftsteller Nuruddin Farah über die Ikone der Islamophoben, Ayaan Hirsi Ali, unterhalten, um von Widersprüchen zu erfahren, die nicht in das zelebrierte Schema „Freiheit gegen Totalitarismus“ passen. Farah, der von dem einstigen Diktator Siad Barre zum Tode verurteilt und von den Al-Shabaad-Gerichten zur Persona non grata erklärt worden ist, weist im persönlichen Gespräch darauf hin, dass Hirsi Ali regelmäßig Beispiele verabsolutiere. Was in manchen Regionen oder innerhalb gewisser Clans gelte, werde dem Islam an sich vorgeworfen, somit lokale Tradition mit religiösem Dogma gleichgesetzt, was nur damit zu erklären sei, so Nuruddin Farah, dass Frau Hirsi hinsichtlich des Islams eher ungebildet sei. Das schmälert nicht ihren bewundernswerten Mut, aber wenn ihre Aussagen zum Islam landauf, landab als unantastbare Wahrheiten einer Leidenszeugin ins Feld geführt werden, steht die gesamte Debatte auf tönernem Wissensfuß.

          An ruhigeren Tagen behaupten die Demagogen, ihr Angriff richte sich nur gegen jene Migranten, die sich der Integration verweigerten. Sie erhalten Rückenwind von Politikern, die behaupten, Multikulti sei tot. Von solchen markanten Sprüchen fühlen sich allerdings vor allem die bestens assimilierten Migranten, ihre Kinder und Kindeskinder angegriffen (wie die gerade erschienene Anthologie „Manifest der Vielen“ wortgewandt und vielstimmig dokumentiert). In den letzten Monaten habe ich eine Reihe von Zuschriften erhalten, in formvollendetem Deutsch, die dem düsteren Zweifel Ausdruck verliehen, ob dies überhaupt noch „unser Land“ sei.

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