https://www.faz.net/-gqz-yfk4

Islamkritiker-Debatte : Man wird doch mal hetzen dürfen

  • -Aktualisiert am

Wenn selbst ein Mensch, der in diesem Land geboren ist und dessen Sprache beherrscht, sich solchen Grübeleien hingibt, ist die Lage schlimm. Dass in den europäischen Metropolen viele Menschen aus einem anderen Land stammen (in Wien beispielsweise 45 Prozent), ist als Folge einer Globalisierung, von der gerade die westeuropäischen Wirtschaften enorm profitiert haben, nicht rückgängig zu machen. Man kann nicht zugleich freien Handel und kulturellen Protektionismus haben. Natürlich überfordert und verängstigt dieser urbane Kosmopolitismus manche Menschen, aber die richtige Reaktion wäre, ihnen diese Angst zu nehmen, und nicht, sie zu schüren. Patrick Bahners findet dafür eine treffende Formulierung: „Die Politiker beteiligen sich am Aufwiegeln, um abzuwiegeln, aus Angst vor der Angst.“

Der Kuschelsound der Gutmenschen

Die entsetzten und entrüsteten Reaktionen deutscher Muslime und anderer Verinlandeter kann nur nachvollziehen, wer im Alltag bestimmte Erfahrungen gemacht hat, von denen ein Apparatschik wie Sarrazin keine Ahnung hat. Zwar gibt es gewiss Deutsche, die den Kulturrelativismus zu weit getrieben haben, aber diese bilden eine verschwindend kleine Minderheit im Vergleich zu jenen, die auf Straßen und in Geschäften, hinter verschlossenen Türen und in vollen Bierzelten ihre Engstirnigkeit kultivieren. Jeder Migrant kann ein trauriges Lied von nachgeworfenen Beleidigungen singen („Wann kehren Sie wieder nach Hause zurück?“). Ein jeder von uns hat schon einmal mitbekommen, dass er „bestenfalls Ersatzdeutscher“ (Bahners) ist.

Das Mantra, Deutschland sei zu tolerant geworden, ist eine kolossale Lüge. Bahners hat recht, wenn er den Erfolg Sarrazins mit dem Widerstand des Bürgers gegen einen neuen Anstand erklärt. Das bürgerliche Publikum finde „Geschmack an der Regelverletzung“. Manche Plumpheiten gelten heute als tabu, Negerwitze sind out, und anstatt dies als zivilisatorischen Fortschritt zu betrachten, wird mit Schaum vor dem Mund im Netz das Grundrecht des Spießers eingeklagt: „Man wird doch mal sagen dürfen.“ Die Multikulti-Verächter sprechen vom „Kuschelsound der Gutmenschen“, als sei „der Schlechtmensch“ das erprobte Ideal der Einheimischen. Von jeher betrachtet der Spießer die Erweiterung des individuellen Horizonts als Anbiederung an die Fremde.

Der Aufruf, zu den eigenen Werten zurückzukehren, appelliert, wenn die Diskussion darüber ausbleibt, welche Werte überhaupt gemeint sind, an die niederen Instinkte. Auf welche Geistesgeschichte berufen sich diese Eiferer? Auf die radikale Toleranz von Lessing? Auf die sufistischen Neigungen von Goethe? Auf die gnadenlose Sprachkritik von Kraus? Kaum ein deutscher Dichter und Denker, der über diese Debatte nicht den Kopf schütteln würde. Hysterie, Apodiktik, Schwarzweißmalerei, Halbbildung – sind das die germanischen Werte, an die wir Migranten uns anpassen sollen? Nein, danke!

Ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland

Die Ereignisse der letzten Wochen haben ein weiteres Mal die Trennlinien zwischen westlich und östlich durcheinandergebracht. In Libyen sterben Menschen massenhaft für die Freiheit gegen einen Diktator, den der aufgeklärte Westen hofierte. Im befreiten Osten des Landes entstehen Bürgerkomitees und freie Radiostationen. Woher wissen diese Muslime, tönt es schon, wie man demokratisch agiert? Noch verwirrender ist der Fall Guttenberg, ein Traditionalist wie er im Gotha steht, der uns in Erinnerung rief, dass die Aristokratie eine parasitäre Einrichtung war.

Wer verteidigt nun die westlichen Werte: Tausende von Wissenschaftlern, die den Betrug beim Namen nennen, oder eine Kanzlerin, die einen Pragmatismus vertritt, mit dem auch Dschingis Khan einverstanden gewesen wäre? Leider wird bei Patrick Bahners erst auf Seite 298 ein entscheidender Punkt eher nebenbei erwähnt: Die Wertkonflikte verlaufen quer zu allen althergebrachten religiösen und kulturellen Identitäten. Mit der komplexen und manchmal widersprüchlichen Vielstimmigkeit des kosmopolitischen Alltags hat die deutsche Integrationsdebatte wenig gemein.

Worüber reden wir eigentlich, wenn ein Mann mit einem so grausigen Stil und derart kruden Thesen wie Thilo Sarrazin zum Hausautor des einstigen Bildungsbürgertums avanciert ist? Die Demagogie der Panikmacher richtet sich nicht nur gegen den Islam, sondern gegen die Vielfalt im Land; sie schreit ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland herbei. Wahrlich, das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt.

Weitere Themen

Das Russische abwürgen

Ukraine-Russland-Konflikt : Das Russische abwürgen

Vor drei Jahren beschlossen, tritt in der Ukraine ein neues Sprachgesetz in Kraft. Es soll das Russische zurückdrängen, schafft aber neue Probleme für Verlage und die russischsprachige Kritik an Putin.

Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

Meister der Sozialdemontage

Tomi-Ungerer-Ausstellung : Meister der Sozialdemontage

Er schreckte nicht davor zurück, sich Feinde zu machen, aber sein frühester Antrieb war Mitgefühl: Die Sammlung Falckenberg zeigt die erste postume Retrospektive von Tomi Ungerer.

Topmeldungen

Schützt am meisten: Eine Mitarbeiterin im Berliner Humboldt-Forum bereitet Spritzen für die Impfung vor.

Immunität durch Infektion : Omikron ersetzt die Impfung nicht

Die aktuelle Omikron-Welle kann Delta zurückdrängen, manche hoffen auf einen Immunschutz. Wieso das jedoch in die Irre führen kann – und was für die Impfpflichtdebatte bedeutet.
Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
Manfred Weber (links) applaudiert nach der Wahl Roberta Metsolas zur Präsidentin des  Europäischen Parlaments.

Neue EU-Parlamentspräsidentin : Webers Deal und seine Folgen

Roberta Metsola rückt an die Spitze des EU-Parlaments. Zu verdanken hat sie das vor allem dem Strippenzieher Manfred Weber. Die Grünen haben sie nicht gewählt – und zahlen dafür einen hohen Preis.