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Islamkritik : Entscheidet Euch für dieses Land!

Die Deutsch-Türkin Seyran Ates in ihrer Kanzlei in Berlin-Wedding Bild: Julia Zimmermann

Seyran Ateş tauchte ab, weil es Leute gibt, die sie töten wollen. Jetzt ist sie zurück. Als Anwältin und mit einem Buch über die Frage, warum man Deutschland lieben soll.

          Seyran Ateş arbeitet im Berliner Stadtteil Wedding. Es ist eine Adresse, die leicht zu finden ist, man steigt aus der U-Bahn, geht ein paar Meter die mehrspurige Straße entlang, an der viele bunte Geschäfte mit fremdländischen Namen liegen, vor denen Menschen stehen, von denen manche Deutsch sprechen und viele nicht, läuft vorbei an einem Burger King und hat das Haus erreicht. Es ist ein heruntergekommener Bau aus Nachkriegsdeutschland, der Eingang ist mit Graffiti beschmiert. Neben der Tür hängt ein schwarzes Schild mit großen, weißen Buchstaben: Seyran Ateş, Rechtsanwältin.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Schild ist ein mutiger Schritt für eine Frau, die bei öffentlichen Auftritten von LKA-Beamten begleitet wird und ihren Beruf fast sieben Jahre ruhen ließ, weil sie um ihr Leben fürchtete.

          Seyran Ateş ist Rechtsanwältin Frauenrechtlerin und Deutsch-Türkin, und jeder, der in den vergangenen Jahren die Debatte um Integration und Islamkritik verfolgt hat, kennt ihren Namen oder hat ihr Gesicht schon einmal gesehen. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, war Mitglied der Islamkonferenz und hat über das deutsch-türkische Zusammenleben Dinge gesagt, für die viele Leute sie schätzen, für die sie aber auch kritisiert worden ist. Ihr Eintreten gegen das Kopftuch stieß vielen auf, aber auch ihre Kritik an jenem deutschen Milieu, das Multikulti preist, weil das zum liberalen Ton dazugehört, die eigenen Kinder aber lieber auf Schulen schickt, in deren Klassen nicht vorwiegend Migrantenkinder sitzen. Seyran Ateş kann sehr scharfe Sätze sagen, wenn es um all das geht. Viele Leute können ihr das nicht verzeihen. Sie vergessen, dass sie aus einer besonderen Position heraus argumentiert: Sie ist eine Frau, die sich ihre Freiheit erst erkämpfen musste. Sie hat erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei lebt.

          Eine Frau mit offenem, geradem Blick

          Der Summer geht, die Tür öffnet sich in ein Treppenhaus. Dann wieder eine Tür, dahinter noch eine Klingel, diesmal ohne Namen. Man muss wissen, wohin man will. Und dann steht Seyran Ateş da, eine attraktive Frau Ende vierzig, mit offenem, geradem Blick. Sie trägt einen grauen Wollpullover, eine hellgraue Hose, die Lippen sind rotgeschminkt. Ihre Haare sind jetzt länger, als man es von Fotos kennt, umrahmen weich ihr Gesicht. Der harte Zug, den man in der Vergangenheit oft an ihr sehen konnte, fehlt. Sie lächelt freundlich.

          „Kommen Sie, ich zeige Ihnen mein Büro“, sagt sie und geht den Gang entlang, hinter dessen Türen zwei weitere Anwälte praktizieren. In der Anzeige, die sie im vergangenen Jahr aufgegeben hatte, stand: „Welche Kanzlei hat keine Angst, mich aufzunehmen?“ Die einzige, die antwortete, war diese. Ein Wink des Schicksals, denn hier in Wedding wuchs Ateş auf, hier begann ihr Aufbegehren gegen jenes Denken, das Mädchen und Frauen als den Männern nicht ebenbürtig sieht. Sie entwickelte dabei jene Eigenschaften, die einem nun als Erstes einfallen, wenn man sie beschreiben soll: Mut und ein starker Wille. In einer Einzimmerwohnung lebte die sechsköpfige Familie, die Straße liegt nicht weit entfernt. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag riss Seyran Ateş aus, die Strenge der Eltern nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie kam beim Kinder- und Jugendnotdienst unter. Sie wollte nur noch unter Deutschen leben. Und nie mehr zurückkehren in dieses Viertel, an diesen Ort.

          Ein Phantasiename steht an der Tür

          In der Ecke steht ein Schreibtisch mit einem Laptop, an der Wand gegenüber ein Bücherregal. Eine Sitzgelegenheit für Mandanten und Gäste gibt es noch nicht. Die beiden abstrakten Gemälde an der Wand, eine Explosion fröhlicher Farben, hat ein Freund von ihr gemalt. Der Raum hat große Fenster, ist lichtdurchflutet. Unten auf der Straße fließt der Nachmittagsverkehr. In Wedding wohnen nach Kreuzberg in Berlin die meisten Migranten. Aus deren Mitte kommt Seyran Ateş’ Klientel. Und auch die Leute, die sie hassen.

          Seyran Ateş sagt: „Das LKA wird noch kommen, um Sicherheitsmaßnahmen vorzunehmen.“ Dort, wo sie privat wohnt, steht ein Phantasiename an der Tür.

          Sie war 21 Jahre alt, als auf sie geschossen wurde. Sie arbeitete damals in einem Beratungszentrum für muslimische Frauen und übersetzte gerade für eine Klientin ein Schreiben vom Arbeitsamt, als ein Mann hereinkam und schoss. Seyran Ateş wurde in den Hals getroffen. Die andere Frau starb. „Ihr Name war Fatma. Sie wurde 40 Jahre alt, ich werde bald 50, lebe schon 28 Jahre länger, als ich hätte leben sollen. Eigentlich hätte ich verbluten müssen. Aber der liebe Gott hat mir die Chance gegeben, weiterzuleben.“

          Aus dem Trauma wurde Wut

          Sechs Jahre dauert es, bis ihr Körper und ihre Seele das Trauma überwunden haben. Dann macht sie weiter. Aus Wut, jetzt erst recht: Sie bringt ihr Jurastudium zu Ende, eröffnet 1997 ihre Kanzlei, in einer schönen Altbauwohnung in Mitte. Ihre Mandantinnen sollen sehen, dass die Welt schon drei U-Bahnstationen weiter eine ganz andere ist. Ateş möchte, dass sie mehr im Leben wollen. Es sind vor allem muslimische Frauen, die damals zu ihr kommen, die weg möchten von ihren Männern, aber schon so viel psychische oder körperliche Gewalt erfahren haben, dass sie sich nicht trauen. Sie sind zu Opfern geworden, über die Tat hinaus. Auch Frauen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, kommen in ihre Kanzlei, und Ateş beginnt in der Öffentlichkeit dafür zu kämpfen, dass Zwangsheirat als Straftatbestand in das Strafgesetzbuch aufgenommen wird. Das gefällt nicht jedem: „Diese Anwältin ist irre geworden. Sie stellt die türkischen Männer als Sklavenhalter dar“, schreibt 2005 die deutsche Ausgabe der „Hürriyet“, jene Zeitung also, in der man als Türke lange nur gute Schlagzeilen haben konnte, wenn man gegen Deutsche hetzte.

          Sie startet eine Kampagne gegen die Anwältin. Erste Morddrohungen treffen im Mailpostfach von Ateş ein, die gerade Mutter geworden ist. Als sie wenige Monate später nach einem Scheidungstermin an der U-Bahnhaltestelle von dem Ex-Mann ihrer Mandantin bedroht und ihre Mandantin geschlagen wird und keiner der Umstehenden hilft, bricht sie innerlich zusammen. Seyran Ateş schließt ihre Kanzlei, berät Frauen nur noch per Mail, am Telefon. 2009 erscheint ihr Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Wieder bekommt sie Morddrohungen, und diesmal sind sie so besorgniserregend, dass das LKA ihr Personenschutz gewährt. Auch für Ateş ist eine Grenze erreicht. Sie tauchte aus der Öffentlichkeit ab, hält sich sogar zurück, als ganz Deutschland sich Gedanken über Thilo Sarrazin macht. Ateş muss ihre Tochter schützen. Sie sagt: „Wenn man ein Kind hat, hat man nicht mehr das Recht auf den eigenen Tod. Nur noch das Recht und auch die Pflicht auf ein eigenes Leben.“

          Wir schneiden Dir die Zunge ab!

          Die Entscheidung, noch einmal aufzustehen und weiterzumachen, fällt, als Erdogan Ende 2011 nach Deutschland kommt. Ohne etwas gegen den anstehenden Besuch gesagt zu haben, findet Ateş in ihrem Postfach eine Hass-Mail: „Wenn Du nicht den Mund hältst, und nicht aufhörst, den Islam und die Türkei schlecht zu machen, schneiden wir Dir die Zunge ab!“ Ateş fühlt: Da ist sie wieder, ihre Wut. Und die Gewissheit, dass es letztendlich egal ist, ob sie mitredet oder schweigt. Dass die Leute, die ihr nach dem Leben trachten und glauben, sie sei eine Feindin des Islams und der Türkei, ihre Bücher wahrscheinlich ohnehin nicht lesen. Im Berliner Anwaltsblatt gibt sie eine Anzeige auf. Gleichzeitig beginnt sie an einem Buch zu schreiben, das in diesen Tagen erscheint.

          Es ist ein kluges Buch, und wer die bisherigen Veröffentlichungen von Seyran Ateş gelesen hat, wird den neuen Ton bemerken, in dem sie es geschrieben hat. Es sind die Worte und Sätze einer Frau, die reifer geworden ist, sich Zweifeln noch immer erlaubt, über die Jahre aber gelernt hat, eigene Haltungen in Frage zu stellen. Seyran Ateş hat ihren Eltern verzeihen können. Sie misst deren Welt, bei aller Kritik, die sie noch hat, inzwischen den gleichen Wert bei wie ihrer deutschen. Und dafür plädiert sie auch in ihrem Buch.

          Aufruf zum Widerstand

          Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen diejenigen, die saubere Grenzen ziehen wollen zwischen der eigenen und einer fremden Welt. Ein Appell an Migranten, sich Deutschland als erste oder zweite Heimat zu gönnen. Die Aufforderung an die Mehrheitsgesellschaft, diese Heimat den Migranten auch zuzugestehen, und an Deutschland, sich endlich rechtlich als Einwanderungsland zu bekennen, damit eine entsprechende Politik Einzug halten kann. Vor allem aber ist Ateş’ Buch ein Plädoyer dafür, dieses Land zu lieben, ob man nun Migrant ist oder nicht. Als Deutsche weiß sie, dass man sich mit solchen Aussagen leicht eines verkappten Nationalismus verdächtig macht. Mit dem Blick der Migrantin sagt sie aber: „Es gibt kaum eine andere Verfassung auf der Welt, die so offen und menschenwürdig ist und sich so für eine offene Gesellschaft ausspricht wie das Grundgesetz. Und das ist nicht nur auf dem Papier so, sondern das kann man in Deutschland real erleben. Die Bürgerrechte und die Freiheit, die mir der deutsche Staat gewährt, haben mich zur Verfassungspatriotin gemacht.“

          Der Täter war ein türkischer Nationalist

          Das heißt für sie aber noch lange nicht, dass alles gut an Deutschland wäre. Damals zum Beispiel, als sie angeschossen wurde, ging die Polizei sofort von einer Beziehungstat aus und verdächtigte ihren Vater. In Wirklichkeit aber war der Täter ein türkischer Nationalist, Mitglied der berüchtigten Grauen Wölfe. Der Verfassungsschutz war blind auf dem Auge der türkischen Rechten, genauso wie er blind war bei den NSU-Morden. Es kam zu Ermittlungsfehlern, wichtige Beweise waren nicht mehr verwendbar vor Gericht. Der Täter wurde freigesprochen. „Wenn er heute noch lebt“, sagt Seyran Ateş, „dann lebt er wahrscheinlich noch immer in Berlin.“ Trotz dieser Erfahrung stellt sie die deutsche Rechtsstaatlichkeit nicht grundsätzlich in Frage. Im Februar 2012 ging sie in die türkische Botschaft und gab ihren türkischen Pass ab. Es sei kein leichter Schritt gewesen. Aber sie habe erkannt, dass die Entscheidung für die deutsche Staatsangehörigkeit keine Absage an ihre kulturellen Wurzeln ist, sondern eine Entscheidung für ein politisches System. In der Türkei waren damals gerade wieder Dutzende von Journalisten verhaftet worden. Seyran Ateş sagt: „Plötzlich war die Entscheidung ganz einfach: Der eine Staat sperrt seine Intellektuellen ein, der andere schützt sie.“

          Sie fühlt sich als Deutsche und Türkin

          Deutsche zu sein bedeutet für Ateş nicht, nicht auch Türkin zu sein: „Ich habe hier eine zweite Heimat hinzugewonnen. Mitunter sind mir Türken peinlich. Deutsche allerdings ebenso.“ Und weil sie weiß, dass es Frauen gibt, die eine wie sie brauchen, damit sie ihr Leben so frei leben können, dass es ihnen ebenso gehen kann, macht sie weiter. Ihre Kollegen übernehmen solche Fälle nicht gern. Noch ist ihre Homepage eine Baustelle, aber eine Mailadresse gibt es. Wenn sich eine Frau in Not meldet, schreibt Seyran Ateş zurück. Die Frauen finden sie, so und anders. Wie jene Mandantin etwa, die Ateş kürzlich in Wien in der Schlange vor einem Kino kennenlernte. Ateş sagte: Ich bin aus Berlin. Die Frau sagte: Dahin kann ich nicht zurück. Sie war vor ihrem Mann geflüchtet, der sie einsperrt und geschlagen hatte. Lange Zeit habe sie das als normal empfunden. Es machte klick im Kopf, als sie ihrer Schwiegermutter die Füße waschen und hinterher das Wasser austrinken sollte. Da sei sie gegangen, erzählt Seyran Ateş.

          Sie schaut auf die Uhr. Sie erwartet eine Mandantin. Im Flur sitzt eine Frau mit dunklen Augen und dunklen Haaren. Im Vorbeigehen grüßt sie leise. Ihre Stimme hat einen kleinen Akzent.

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