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Islamismusforscher im Gespräch : Dschihad als Ausweg

IS-Kämpfer 2014 in Mossul Bild: Reuters

Der Psychoanalytiker Fethi Benslama ist einer der wichtigsten Islamismusforscher Frankreichs. Ein Gespräch über die psychischen Ursachen für Radikalisierung, Houellebecq und die Wahl.

          Als Reaktion auf die Terrorbedrohung hat der Bundestag gerade ein Sicherheitspaket verabschiedet. Sind mehr Gesetze der richtige Weg im Kampf gegen Extremismus?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Terrorismus macht es notwendig, dass eine Demokratie viele Ausnahmen macht und die Bürger stärker überwacht. In Frankreich ist man dabei viel weiter gegangen. Es herrscht ja immer noch der Ausnahmezustand, der viele Rechte einschränkt, und sicherlich wird er noch andauern. Die Bedrohung ist einfach größer als in Deutschland.

          Woran liegt das?

          Frankreich ist stärker als Deutschland an militärischen Interventionen im Nahen Osten beteiligt. Deutschland bildet Soldaten aus, Frankreich bombardiert. Auch die kaum aufgearbeitete Kolonialgeschichte spielt eine Rolle. Viele französische Politiker glauben immer noch, dass die Kolonialzeit eigentlich eine gute Sache war. Sarkozy hat das so gesagt. Für Muslime mit Wurzeln in ehemaligen Kolonien ist das schmerzhaft.

          Fethi Benslama in Berlin

          Emmanuel Macron hat die Kolonisierung Algeriens als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Frankreich müsse sich entschuldigen.

          Viele junge Franzosen denken mittlerweile wie Macron. Aber um Vergebung zu bitten genügt nicht. Das schafft nur ein gutes Gewissen. Anerkennung bedeutete dagegen, dass es eine Verantwortung zur Aufarbeitung gibt. Während des Algerienkrieges haben Algerier an der Seite der Franzosen gekämpft. Als sie Algerien verließen, wurden viele dieser Menschen massakriert. Der Front National erkennt diese Algerier als französische Soldaten an. Deshalb wählen einige Muslime Marine Le Pen. Auch manche Juden tun das. Sie denken, sie schütze sie vor Islamisten.

          Es soll auch Dschihadisten geben, die Marine Le Pen wählen.

          Die Islamisten glauben, dass der Front National die Demokratie zerstört. Das ist in ihrem Sinn. Indem sie das Attentat in Paris kurz vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen für sich reklamierten, wurde Angst geschürt, die Le Pen Stimmen zugeführt hat. Es kommt den Islamisten gelegen, dass sie die Stimmung gegen Muslime anheizt. In ihren ideologischen Schriften steht, dass eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre von Wir gegen Sie ideal ist, um Jugendliche zu rekrutieren. Denn Diskriminierungserfahrungen machen Radikalisierungen wahrscheinlicher.

          Einen Roman, der die Präsidentschaftswahlen als Szenario nutzt, hat zuletzt Michel Houellebecq geschrieben. „Unterwerfung“ spielt 2022, Frankreich wurde islamisiert, der Präsident ist ein Muslim. Das Buch war ein Erfolg. Haben Sie es gelesen?

          Ja. Für mich ist es literarischer Dschihadismus (lacht). Man kann den Roman von zwei Seiten betrachten. Als Literatur, die ein Phantasma berührt, das viele Franzosen mit sich herumtragen – das Phantasma der Islamisierung Frankreichs. Es ist gut, dass „Unterwerfung“ das zum Thema gemacht hat. Denn erst wenn etwas ausgesprochen wird, lässt es sich entwaffnen. Der Roman wurde also aus einem existierenden Phantasma geboren, aber er nährt es auch, das ist die andere Seite. Er hat das Potential, bestehende Ängste zu verstärken. Ich finde, Houellebecq ist „Unterwerfung“ nicht besonders gut gelungen. Seine anderen Romane fand ich besser.

          Den Anschlag von Paris kurz vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl reklamierten die Dschihadisten für sich.

          Houellebecq hat einmal gesagt, der Islam sei die bescheuertste Religion, die es gibt.

          Vielleicht ist er ja selbst etwas bescheuert? (lacht) Das gibt es ja oft, dass Leute phantastische Bücher schreiben und selbst Idioten sind. Denken Sie nur an Céline. Er muss ein furchtbarer Typ gewesen sein, aber er war ein genialer Schriftsteller. Beim Thema Islam sind die Leute ja meistens ambivalent. Houellebecq ist da gar nicht der Schlimmste. Der Hass auf den Islam existiert mit und ohne ihn.

          Sie sind Psychoanalytiker und beschäftigen sich mit islamistischer Radikalisierung. Was kann die Psychoanalyse da leisten?

          Man weiß mittlerweile, dass politische und soziologische Ansätze nicht genügen, Radikalisierung zu verstehen. Selbst Soziologen haben eingesehen, dass das Problem für ihre Methoden zu komplex ist. Anfangs dachte man beispielsweise, Radikalisierungen gebe es nur in prekären Milieus. Heute weiß man, und das gilt nicht nur für Frankreich, dass etwa dreißig Prozent der Radikalisierten aus der Mittelschicht stammen und zehn Prozent aus der Oberschicht. Radikalisierung ist also keinesfalls nur eine Frage von Armut. Wenn man nicht die psychische, individuelle Dimension miteinbezieht, versteht man nicht, warum ein Jugendlicher zum Dschihadisten wird, aber andere, die unter gleichen Bedingungen leben, nicht. Hätte die Radikalisierung nur politische oder soziologische Ursachen, dann müsste es bei den heutigen Verhältnissen weitaus mehr Fälle von Radikalisierung geben. Sich zu radikalisieren ist immer eine individuelle Entscheidung. Oft hat sie viel mit Zufall zu tun.

          Mit dem Zufall?

          Unter den Radikalisierten, mit denen ich arbeite, sind viele, die in ihrem alten Leben unverschuldet eine traumatische Erfahrung gemacht haben. Sie wurden beispielsweise vergewaltigt oder erlebten einen schweren Unfall. Oder sie haben irgendwann eine schlechte Bekanntschaft gemacht. Stellen Sie sich eine Neunzehnjährige vor, die aus einer zerrütteten Familie stammt und plötzlich einen tollen Typen kennenlernt, mit dem eine harmonische Familie möglich scheint. Sie ist überzeugt davon, er ist die Liebe ihres Lebens, in Wirklichkeit ist er aber nur ein Köder des Dschihad.

          Sie haben darauf hingewiesen, dass unter den Radikalisierten die Anzahl der 15- bis 25-Jährigen besonders hoch ist. Woran liegt das?

          Es ist die Phase des Erwachsenwerdens. Sie beginnt heute schon mit elf, zwölf Jahren und hört immer später auf. Es ist eine psychologisch sehr turbulente Zeit. Heranwachsende haben oft ein geringes Selbstwertgefühl. Sie wollen bedeutsam sein, wissen aber nicht, wie das gelingen soll, es gibt so viele Möglichkeiten. Sich zu radikalisieren gibt einigen die Hoffnung, die Lösung zu finden.

          Warum glauben Jugendliche das?

          Die Rekrutierer des Dschihad setzen an zwei Punkten an: In der Phase des Erwachsenwerdens sucht man nach Bestätigung und Idealen, die den richtigen Weg weisen. Der Islamismus sagt: Komm zu uns, dann bist du bedeutsam, stark und wirst ein großer Krieger. Vielen jungen Leuten erscheint die Aussicht auf Krieg als Abenteuer. Sie haben keine Ahnung, was Krieg oder Töten wirklich bedeuten. Manche ziehen aber auch aus Altruismus in den Dschihad. Dieser Beweggrund betrifft vor allem Frauen, die mittlerweile dreißig Prozent der nach Syrien oder in den Irak Ausreisenden ausmachen. Früher gab es im Dschihad keinen Platz für sie, Al Qaida etwa lehnt Frauen in den eigenen Reihen ab. Erst der IS hat es mit seinem fest umrissenen Territorium Frauen möglich gemacht, Teil des Dschihad zu sein. In der westlichen Welt eine Frau zu sein ist nicht einfach. Die Rollenerwartungen sind immens; eine Frau soll attraktiv sein, leidenschaftliche Liebhaberin, gute Ehefrau, liebevolle Mutter, sie soll Karriere machen und das Heim in Ordnung halten. Die vielen Erwartungen wirken verunsichernd. Die jungen Frauen wollen einen festen Rahmen, der Sicherheit gibt und garantiert, respektiert und beschützt zu werden – Letzteres trifft vor allem auf junge Mädchen mit Gewalterfahrung zu. Sie glauben zudem, dass sie durch die Mutterschaft ihre weibliche Identität finden. Im Dschihad ist die Frauenrolle klar umrissen: Die Frau ist Ehefrau und Mutter.

          Dürfen Frauen auch kämpfen?

          Das wird in der Regel abgelehnt.

          Warum?

          Wenn auch die Frauen in den Kampf ziehen und sterben, dann haben die Männer nicht mehr dieselbe Macht. Es gibt eine bewaffnete Frauen-Brigade beim Daesh. Sie darf nicht in den Kampf ziehen. Dieser Tod ist den Männern vorbehalten.

          Es gibt eine Hierarchie, wer im Kampf sterben darf?

          Ja, da hält es der Daesh wie Hegel in seiner Theorie vom Meister und dem Sklaven: Der Meister darf in das Antlitz des Todes schauen, der Sklave nicht.

          So wird man es den Frauen kaum vor ihrer Ausreise darlegen.

          Natürlich nicht. Die Männer spielen weiße Ritter, die ihr Leben für Gutes riskieren. Sie ziehen Strahlkraft daraus, anders zu sein als die Männer von heute, die alle etwas feminisiert sind.

          Es heißt, der Dschihad rekrutiere verstärkt im kriminellen Milieu.

          Er ist dort sehr erfolgreich. Es liegt in der Natur des Menschen, zum Mörder werden zu können. Jeder trägt in unterschiedlichem Ausmaß Hass in sich. Der Dschihad autorisiert dazu, ihn rauszulassen. Er ermöglicht es Kriminellen, autorisierte Kriminelle zu werden.

          Wieso jemand, der Gewalt ablehnt, plötzlich Ideale verehrt, die sie verherrlichen, ist trotzdem schwer zu verstehen.

          Überhaupt nicht. Ein Jugendlicher ist ein Mensch, der gerade seine Kindheit verlassen hat. Als Kind hatte er tolle Ideale, die seine Eltern ihm beigebracht haben. Als Kind glaubt man, die Welt um einen herum liebe einen so wie die Eltern. Beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden merkt man plötzlich, dass das nicht stimmt. Alles stürzt zusammen, muss neu geordnet werden. Neue Verhaltensweisen und Vorstellungen müssen her, die mit dem harmonisieren, was man zu begreifen beginnt: dass man nicht mehr geliebt werden kann, wie ein Kind geliebt wird. Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, gelingt das oft nicht. Sie bleiben verunsichert. Da setzt das Radikalisierungsangebot an und bietet eine Mission.

          Und die Gewalt schreckt nicht ab?

          Viele Jugendliche sehen das wie ein theatralisches Spiel. Sie schlüpfen in eine Rolle. Einige merken, sie können das nicht, und versuchen zurückzukehren. Andere lieben es und werden sehr grausam.

          Wenn die Radikalisierung ein psychologisches Problem ist, dann heißt das auch, dass man sie therapieren kann?

          Manchmal ja. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass man jenen, die wirklich gewalttätig geworden sind, meistens nicht helfen kann. Da hilft nur Repression.

          Was kann sonst noch getan werden?

          Die europäischen Staaten müssten sich zusammenschließen und gemeinsam die salafistischen Bewegungen bekämpfen. Es ist höchste Zeit, der Hass auf die Demokratie wächst. Zweitens brauchen wir gute Programme, die Jugendlichen helfen, die in die Falle der Dschihadisten geraten sind. Sie müssten einen psychoanalytischen Anteil haben und einen sozialen, der alltägliche Sicherheit gibt. Und drittens muss der Krieg im Nahen Osten beendet werden. Von ihm nährt sich die dschihadistische Ideologie am meisten. Der Fundamentalismus existiert in allen Religionen, doch der muslimische ist bewaffnet worden. So vieles ist schiefgelaufen. Afghanistan war die erste Schule für den Dschihadismus. Man nutzte ihn, um die Sowjetunion zum Einstürzen zu bringen. Aus dem Irak haben die Amerikaner eine große Dschihadisten-Universität gemacht. Mit der Auflösung der irakischen Armee wurden Hunderttausende Soldaten arbeitslos. Viele von ihnen, auch Generäle, schlossen sich dem IS an, um ihre Familien zu ernähren. In Syrien haben Saudi-Arabien und Qatar einzelne Gruppen bewaffnet, sobald es die Revolutionsbewegung gegen Assad gab. Solange der Krieg nicht endet, wird es immer junge Menschen geben, die bereit sind, zu kämpfen.

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