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„Islamischer Staat“ : Das Gründungsdokument der Terrorherrschaft

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Ein spätes Erwachen

Auch wenn in der Schrift darlegt wurde, dass die Organisation aus Sicherheitsgründen noch im Untergrund agieren müsse – Abu Omar al Baghdadi meldete sich nur mit Audiobotschaften –, stellte man sich auch der erwartbaren Kritik, dass al Baghdadi den meisten als Person unbekannt bleibe und man dem „Anführer der Gläubigen“ deshalb auch nicht die Treue schwören könne. Es genüge, so die Antwort, dass ihn wichtige Entscheidungsträger persönlich kennten und ihm stellvertretend den Treueeid leisteten.

Tatsächlich meldete sich mit einer solchen Beanstandung, wie Christoph Günther vermerkt, im April 2007 der Kuweiter Hamid Abdallah al Ali zu Wort, ein Al Qaida ideologisch nahestehender salafistischer Rechtsgelehrter. Er zweifelte die Rechtmäßigkeit des „Islamischen Staates Irak“ mit dem Argument an, dass der Islam einen Treueeid gegenüber einem unbekannten, unsichtbaren Imam nicht kenne. Dieser zentrale Vorwurf wurde von den Mudschahedin erst sieben Jahre später entkräftet: Wohl auch deshalb ließ sich Abu Bakr al Baghdadi, der bis dahin ebenso wie sein Vorgänger physisch nicht in Erscheinung getreten war, nur wenige Tage nach der Gründung seines „Kalifats“ Anfang Juli erstmals filmen (dazu Christoph Günthers Aufsatz „Obey the emerging caliphate“, in: „Orient“, 4/2014). Nicht zuletzt diesem Rechtfertigungszwang scheint die Bildpropaganda der Dschihadisten geschuldet zu sein, in der in den vergangenen Monaten auffällig oft Treueschwur-Zeremonien zelebriert werden. Offenbar sollen die letzten Zweifel an der Existenz des „Islamischen Staates“ ausgeräumt werden, der jetzt in der Tat expandiert.

Das Erwachen kommt freilich spät, auch in der arabischen Welt. Wenn die jordanische Königin Rania, wie vor einigen Tagen geschehen, auf einer Medienkonferenz in Abu Dhabi mit schrillen Worten die arabische Welt zum Kampf gegen das „Narrativ“ der Gotteskrieger aufzurütteln sucht, so darf nicht vergessen werden, dass dem Staatsgründungsmanifest des ISI gerade von jordanischem Boden aus zu seinem Weltruhm verholfen worden war: durch den palästinensisch-jordanischen Gelehrten Abu Muhammad al Maqdisi, der die Schrift gleich auf seine Internetseite „tawhed.ws“ gestellt hatte. Dort ist sie auch heute noch zu lesen. Scheich al Maqdisi wurde erst im Juni in Jordanien aus der Haft entlassen – und versucht sich nun als „Kritiker“ des „Islamischen Staats“ in Szene zu setzen.

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