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„Islamischer Staat“ : Das Gründungsdokument der Terrorherrschaft

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Das Dokument zeugt davon, wie sehr sich der ISI im sunnitischen Rechtskonsens zu positionieren suchte. Unter Berufung auf Koranverse und Stellungnahmen berühmter mittelalterlicher sunnitischer Rechtsgelehrter wurde die Notwendigkeit des Aufbaus eines islamischen Gemeinwesens nach dem Vorbild jener geoffenbarten Ordnung propagiert, wie sie der Prophet und später seine Nachfolger (Kalifen) etabliert hatten. Nur so – und unter der Bedingung der uneingeschränkten Anwendung der Scharia – ist nach den angeführten sunnitischen Quellen die Voraussetzung für das Heil der Muslime geschaffen, die allerdings zu absolutem Gehorsam verpflichtet sind.

Der Stärkste wird der Erste sein

Bei der Art der Wahl ihres Staatsoberhaupts (Imam), bei der man sich ebenfalls an die Vorschriften der Rechtsautoritäten hielt, präsentierten sich die ISI-Dschihadisten, wie Christoph Günther hervorhebt, als konsensorientiert. Die Ernennung des Herrschers sei durch die „Leute des Lösens und Bindens“ erfolgt – eine traditionell dazu bestimmte Elite. Im Falle des ISI rekrutierten sie sich aus der „Allianz der Wohlduftenden“, deren Gründung im Juni 2006 bekanntgegeben worden war und aus einem Zusammenschluss des „Schura-Rat der Mudschahedin“ und den, wie es hieß, „guten sunnitischen Stämmen“ bestand, die dem ISI Treue geschworen hätten.

Vollständige Transparenz konnte der damals noch im Untergrund agierende ISI freilich nicht vorweisen. So bezog man sich, auch um möglicher Kritik vorzubeugen, auf ein weiteres im sunnitischen Gelehrtenkonsens verankertes Verfahren zur Einsetzung des islamischen Herrschers, nämlich die „Usurpation durch Unterwerfung mit dem Schwert“, welches in Krisenzeiten oder im Streitfall dem waffenstärksten Aspiranten den Rechtsanspruch auf das Amt des Imams einräumt.

Das Territorium des ISI ist groß

Vor dem Hintergrund der Krise im Irak wie auch sonst in der islamischen Welt halten die Autoren des Manifests diese Option im Fall des ISI für angemessen, zumal gegenwärtig die muslimische Umma ohne Führung und etliche islamische Gebiete unter der Kontrolle fremder Invasoren seien. Das programmatische Beharren auf dem Recht, den Führungsanspruch „mit dem Schwert“ durchzusetzen, ist nicht nur ein Beleg dafür, wie schon der ISI es verstand, sein Herrschaftssystem als konsenskonform erscheinen zu lassen. Es vermag auch teilweise die Gewaltexzesse zu erklären.

Arroganz der Macht spricht auch aus dem dritten Abschnitt „Was man uns vorwirft und was wir antworten“, wo die Verfasser sich anschicken, möglichen Einwänden hinsichtlich der Legitimität ihres Staates zu begegnen – etwa dem, dass der ISI über ein klar umrissenes Territorium nicht verfüge. Für die Autoren lässt sich die Frage der Gebietskontrolle nur im Kontext des asymmetrischen Kriegs, wie er im Irak stattfinde, diskutieren: Dass die Feinde der Mudschahedin ihre beanspruchten Gebiete nicht wirklich zu kontrollieren vermöchten, bewiesen schon die vielen tödlichen Schläge, die ihnen von den Gotteskriegern versetzt würden – sogar in Bagdads Grüner Zone, die die irakische Regierung der „Abtrünnigen“ (Schiiten) glaube mit amerikanischen Truppen sichern zu können. Und da die sunnitischen Quellen an keiner Stelle vorschrieben, wie groß das Territorium sein müsse, auf dem ein „Islamischer Staat“ ausgerufen werden dürfe, gilt aus Sicht des ISI, dass dieses überall dort ist, wo seine Kämpfer sich öffentlich mit ihren Waffen präsentieren.

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