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Islamischer Aufruhr : Aktion und Redaktion

Reaktion auf das Mohammed-Video: Aufgebrachte Demonstranten greifen die amerikanische Botschaft in Kairo an Bild: AFP

Der islamische Aufruhr verläuft immer gleich: Die Religion wird von radikalen Splittergruppen benutzt, um von herrschenden Problemen abzulenken und Machtkämpfe zu bemänteln.

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          Schaut man dieser Tage Fernsehnachrichten, rückt ein Kurzschluss ins Bild: In Kalifornien produziert jemand ein islamfeindliches Video und stellt es ins Netz. Im libyschen Benghasi werden der amerikanische Botschafter und dessen Begleiter ermordet, in Kairo greifen Demonstranten die amerikanische Botschaft an, die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik in Khartum wird in Brand gesetzt. Die Lehre soll lauten: Wer den Islam und insbesondere dessen Propheten beleidigt, erklärt den Muslimen den Krieg. Und den können wir jederzeit haben. Muslime gegen Christen und alle anderen, die islamische Welt gegen den Westen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch schauen wir hinter die brennenden Fassaden, zeigt sich einmal mehr, dass wir Zeugen eines Gewalttheaters werden, dessen Regisseure darauf angewiesen sind, dass wir die ganze Welt für so verrückt halten, wie sie in ihrem Stück erscheint. Dabei ist die Religion zwar die Textgrundlage, der Regie aber geht es um etwas anderes - um nichts als Macht. Der sudanesische Islamist Omar al Bashir, ein Diktator und Christenverfolger reinsten Wassers, braucht ein Ventil, um die noch radikaleren Gruppen in seinem Land zu besänftigen. Also orchestriert sein Regime den Aufruhr vor der deutschen Botschaft, damit sich dieser nicht gegen ihn selbst richtet.

          Religion als einigendes Band

          In Ägypten sind die Salafisten erstarkt, aber längst nicht so weit gekommen, wie sie wollten. Ihr Bestreben ist es, den mit der Hoffnung auf Demokratie verbundenen „Arabischen Frühling“ in sein Gegenteil zu verkehren, also müssen sie den neuen Präsidenten Mursi und dessen Muslimbrüder unter Druck setzen. In Libyen toben sich Kampfgruppen der Al Qaida aus, welche die Schwäche der Regierung nutzen und Terrain besetzen.

          Das Terrornetzwerk verlagert seinen Schwerpunkt seit einiger Zeit nach Afrika und zeigt bei dieser Gelegenheit eine Macht, die in den letzten Monaten schon vergangen schien. Die Liste lässt sich fortsetzen mit Iran, mit Afghanistan, mit Syrien. Überall taugt die Religion als einigendes Band und dazu, von herrschenden Problemen abzulenken und Machtkämpfe zu bemänteln. Es braucht nur einen Anlass, eine Aussage, ein Dokument, einen Film.

          Die Dinge beschleunigen sich - ein wenig. Nachdem die dänische Zeitung „Jyllands Posten“ im September 2005 ihre Mohammed-Karikaturen druckte, dauerte es fünf Monate, bis die Eskalation um sich griff. Es musste erst eine Delegation dänischer Muslime nach Kairo und dann nach Beirut reisen und die höchsten religiösen Autoritäten um Beistand bitten.

          „Öffentlicher Zorn ist so groß wie der Fernsehbildschirm“

          Es musste erst eine Akte erstellt werden, in der sich allerhand Bilder (unter anderem ein Mann mit Schweinemaske) fanden, die mit den Karikaturen gar nichts zu tun hatten. Es musste erst Druck auf arabische Regierungen ausgeübt werden, ganz Dänemark zur Buße zu zwingen, bis - eine Botschaft nach der anderen in Flammen aufging, ein katholischer Priester in der Türkei ermordet wurde und die Bilanz schließlich auf siebzehn Tote lautete.

          Ausgelöst wurde das Ganze von einem kleinen Imam in Kopenhagen, dem inzwischen verstorbenen Imam Abu Laban, und ein paar Strippenziehern islamischer Gemeinden in Dänemark. Die hernach mit der Eskalation allesamt nichts zu tun haben wollten. Jetzt, beim Video „Innocence of Muslims“, gingen zwei Monate ins Land, in denen sich kaum jemand um den Blödsinnsfilm kümmerte. Erst mit arabischer Übersetzung, mit gezielten Hinweisen und dem symbolischen Datum des 11. September im Blick bekam die Geschichte Façon.

          „Der öffentliche Zorn ist so groß wie der Fernsehbildschirm“, schrieben die Schriftsteller Ranjit Hoskoté und Ilija Trojanow in der F.A.Z. vom 23. Juni 2007 mit Blick auf die „Anatomie des Aufruhrs“ und die gefährliche Erregungskultur, die manchen angetan erscheint, Huntingtons These vom „Clash of Civilisations“ bestätigt zu finden. Die Einschätzung der Dichter lässt sich ohne Probleme auf diese Tage münzen: Wir werden abermals Zeugen eines Passionsspiels, das radikalen Splittergruppen zur Macht verhelfen soll.

          Diese stützen sich auf einen jederzeit für wenig Geld oder ohne größere intellektuelle Anstrengung zu mobilisierenden Mob und - die Macht der Medien, die Überzeugungskraft der Bilder im Fernsehen und im Internet. Man muss nur noch ein vollkommen irres Video aus den Vereinigten Staaten ins Arabische übersetzen, herausstellen, dass einer der Produzenten ein koptischer Christ ist und - die Sache läuft. Weltweit, auf allen Kanälen.

          „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagte der Kopenhagener Imam Abu Laban seinerzeit im Gespräch mit der F.A.Z. Ihm und seinesgleichen sollten wir die Geschichtsschreibung nicht überlassen.

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