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Islamische Finanz : Die zinslose Ökonomie - eine sichere Bank?

Schwundwährung: Geldhandel auf einem Basar in Kandahar Bild: Getty Images

Die „islamische Finanz“ bewirbt sich als fest auf dem Boden der Realwirtschaft verbliebene Alternative zum entfesselten westlichen Kapitalismus. Hält sie ihr Versprechen?

          Der Aufstieg des Kapitalismus, so die gängige Lesart, lief parallel zur Befreiung von religiöser Moral. Die Emanzipation einer ökonomischen Binnenethik nahm dem produktiven Eigennutz den Makel. Kredit und Zins, vom Christentum zunächst geächtet, setzten die Gegenwart unter Druck und mobilisierten die wirtschaftlichen Energien. Die Frage, ob eine Ökonomie, die auf den Zins verzichtet und ihre Finanz religiösen Vorschriften unterstellt, eine Chance im globalen Wettbewerb hätte, scheint theoretischer Natur.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zunächst: Es gibt diese Wirtschaftsform, und sie wächst seit Jahrzehnten. Das islamische Bankensystem, das seine Geschäfte der Scharia unterwirft, hat sich seit Mitte der Achtziger formiert und auch im Westen Fuß gefasst. Es ist ein boomender Sektor mit Wachstumsraten von fünfzehn Prozent. Rund achthundert Milliarden Dollar werden weltweit nach islamischen Prinzipien angelegt. Europäische Banken haben islamkonforme Fonds in ihr Portfolio aufgenommen oder öffnen Tochterbanken für Muslime.

          Ein Krisengewinnler

          Die islamische Finanz wirbt mit dem Versprechen, auf dem Boden der islamischen Ethik eine gerechte und solide Alternative zum westlichen Kapitalismus aufzubauen. Die Bindung aller Finanzgeschäfte an feste Güter soll die ungedeckten Höhenflüge des Finanzsektors über die Realwirtschaft begrenzt halten, die in den Abgrund der Krise rissen. Mancher sieht in ihr ein überlegenes System, auf bestem Weg, den krisenanfälligen und aggressiven westlichen Finanzkapitalismus abzulösen. Ihr sozialreformerischer Ansatz wurde von den Vertretern des arabischen Frühlings begeistert aufgegriffen, als Integrationsfaktor für den europäischen Muslim findet sie Beachtung.

          Die Hoffnungen sind verfrüht. Trotz seiner Blüte ist das islamische Bankwesen bisher nicht mehr als ein Nebenschauplatz der Finanz. Selbst in den islamischen Ländern kommt es auf kaum mehr als zehn Prozent des Marktanteils. Die drei Länder, die ihr Finanzsystem komplett dem Islam unterstellen - Pakistan, Iran und der Sudan -, sind womöglich auch deshalb auf Entwicklungsniveau.

          Die Hölle des Wuchers

          Im Kern der islamischen Finanz steht das Verbot des Zinses, der Riba. Im Unterschied zu Christen- und Judentum ist der Islam, zumindest der Form nach, dem religiösen Grundsatz treu geblieben, dass das Profitstreben keine Eigendynamik gewinnen darf. Jedes Geschäft soll durch Realwerte gedeckt sein. „Die nun vom Wucher leben, werden einst mit Krämpfen auferstehen als vom Satan Besessene; deshalb, weil sie sagen: ,Handel ist mit Wucher gleich’“, heißt es im Koran. „Aber Allah hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten.“ Offen bleibt, ob der Riba ein generelles Verbot beinhaltet oder sich nur gegen ausbeuterisch hohe Zinsen wendet. Gegen Handel hat der Islam keine Einwände. Von seinen Anfängen an verstand sich das islamische Bankgewerbe auch als politisches Programm. Die Idee stammt aus den vierziger Jahren, als bei der Gründung Pakistans der Versuch unternommen wurde, ein eigenes Finanzsystem einzurichten, das, der politisch-geographischen Position des Landes entsprechend, in der Mitte zwischen dem Zinskapitalismus der ehemaligen britischen Kolonialherren und der kommunistischen Kollektivwirtschaft der benachbarten Sowjetunion lag. Das Wirtschaftskonzept des neuen muslimischen Staates baute auf der Idee des geteilten Risikos auf.

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