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Islam und Deutschland : Seehofers Aufgabe

Die Aufregung über Horst Seehofers Islam-Äußerung lenkt ab von der eigentlichen Frage: Welcher Islam gehört zu Deutschland?

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          Der Islam gehört zu Deutschland“, sagte der frühere Bundespräsident Wulff. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagt der neue Innen- und Heimatminister Seehofer. Er löst damit Reaktionen aus, die denen, die Wulff seinerzeit für seine gegenteilige Einlassung erntete, in der Verkürzung gleichen. Das geben die Sätze auch her, allerdings nur, wenn man glaubt, damit und mit dem Verweis auf die christliche Prägung dieses Landes wäre schon alles gesagt.

          Doch das glaubte schon der damalige Innenminister Schäuble nicht, auf den der Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, eigentlich zurückgeht. Er sagte ihn schon 2006 vor dem Beginn der Islamkonferenz, auf die auch sein Amtsnachfolger setzt und bei der es um die eigentliche Frage ging und geht: Welcher Islam gehört zu Deutschland? Der politische oder politisierte Islam, der nach einem Staats- und Gesellschaftsgebilde strebt, in dem Rechte und Pflichten nach der Auslegung des Korans gelten und zwischen Muslimen und Nichtmuslimen unterschieden wird, kann es nicht sein. Auch nicht derjenige der Türkisch-Islamischen Union Ditib, die dem Religionsministerium in Ankara untersteht, Erdogans verlängerten Arm darstellt und so tut, als hätte sie das Mandat, für alle Türkischstämmigen in Deutschland zu sprechen.

          Nicht hilfreich

          Und die lange unterschätzte salafistische Variante des Islam, induziert von Saudi-Arabien, totalitär in ihrem Anspruch, kann es schon gar nicht sein; sie ist ein Fall für den Verfassungsschutz. Es sollte vielmehr ein Islam sein, der dem angeblich Selbstverständlichen entspricht, das so selbstverständlich aber nicht ist – dem Primat der im Grundgesetz formulierten Grundrechte aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland und der damit verbundenen freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

          Das klingt banal, ist es aber nicht, weil in all den Jahren, in denen es hieß, der Islam gehört oder gehört nicht zu Deutschland, negiert wurde, dass er ja längst in all seinen Facetten da und von den hier lebenden Muslimen nicht zu trennen ist. Auch nicht von der überwiegenden Mehrheit der Muslime, die zwischen „göttlichem“ und weltlichem Gesetz sehr wohl unterscheiden und eben nicht durch die konservativen Verbände repräsentiert werden, die in der Islamkonferenz und in der öffentlichen Debatte den Ton angeben.

          Jemand wie der Politologe Bassam Tibi, der seit Jahrzehnten mit seiner Idee für einen „Euro-Islam“ um Gehör bittet, ist an dem Unverständnis dafür, dass man in Sachen Islam nicht über das Ob, sondern das Wie und nicht nur mit Imamen und Religionsfunktionären sprechen muss, schier verzweifelt. Auf den Heimatminister Seehofer wartet insofern eine große Aufgabe. Ob die Bundeskanzlerin in der ihr eigenen Art, Debatten zu ersticken, bevor sie beginnen und alles aufs Situativ-Taktische herunterzubrechen, das begreift? „Diese Muslime gehören auch zu Deutschland, und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland, also auch der Islam“, sagte sie, um ihren Innenminister abzufangen, auf den sich Grüne und Linke schon fröhlich einschießen und wie üblich mit dem AfD-Zaunpfahl winken. „Nicht hilfreich“, würden wir da sagen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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