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Islamkritik : Wie soll man den Koran auslegen?

  • -Aktualisiert am

Soll man alles wörtlich nehmen? Ein Mann liest den Koran während eines Gottesdiensts. Bild: Reuters

Der Islam – unreformierbar oder reif für die Aufklärung? Ein Gespräch zwischen dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide und dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zeigt den schwierigen Stand der Islamkritik hierzulande.

          Wenn sich Mouhanad Khorchide, Theologe aus Münster, und Hamed Abdel-Samad, Autor islamkritischer Bücher, treffen, gibt es Streit. Sie streiten über und für den Islam, den der eine für unreformierbar hält, zumindest noch, und den der andere, Khorchide, mit in die Aufklärung führen möchte. Sie sind sich selten einig und demonstrieren doch eine Diskussionskultur, die in der entweder abgehobenen oder aber brachialen öffentlichen Auseinandersetzung mit dieser Religion heraussticht.

          Es ist keine gegenseitige Belehrung, es geht nicht darum, wer recht hat oder die entscheidenden Suren im Koran besser und schneller aufzählen kann. Khorchide kommt ohne die therapeutischen Beschwichtigungsformeln und absurden Unterstellungen aus, mit der Islamkritik gern abgewürgt wird, zumal er selber ein Kritiker ist. Er verteidigt vehement seine These vom barmherzigen Islam, der den historischen Ballast der Gewalt und der Verachtung aller Andersdenkenden abwerfen wird. Abdel-Samad ist ein radikaler Denker, der seinen Gesprächspartner respektvoll herausfordert und ihn konfrontiert mit den gewaltverherrlichenden, antimodernen und seiner Ansicht nach konstitutiven Quellen, die nicht nur für den IS moralische Richtschnur geblieben sind.

          Mouhanad Khorchide  ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

          Im Unterschied zu den Christen, die das, was im Alten Testament steht, kaum noch für das unverrückbare Wort Gottes nähmen, so Abdel-Samad, glaubten nicht nur Salafisten oder der IS, sondern der muslimische Mainstream, dass alles, was im Koran stehe, das absolute Wort Gottes sei. Khorchide hält dagegen, diese Religion werde in der Realität von den meisten anders gelebt, der heikle Punkt seien unter anderem die Lehrbücher, die in Kairo und anderswo in der islamischen Welt verwendet würden. Doch wachse gerade wegen der Untaten des IS weltweit die Kritikfähigkeit vieler Muslime, die schmerzhaft begriffen, dass es nicht weiterhelfe, wenn sie behaupten, der IS habe mit dem Islam nichts zu tun.

          Der deutsch-ägyptische Schriftsteller und Politologe Hamed Abdel-Samad kritisiert, dass die meisten Muslime alles, was im Koran stehe, als absolutes Wort Gottes ansehen.

          Darauf, sagt Khorchide, setze er seine Hoffnung, aber er erwarte nicht, dass das schnell gehe, auch die Aufklärung sei ein langwieriger Prozess gewesen. So ging es eine Stunde lang hin und her am Mittwoch in Berlin, wo Abdel-Samad und Khorchide ihre im Herder Verlag erschienene Streitschrift „Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren“ vorstellten. Zwei unterschiedliche Temperamente, scharfzüngig der eine, sanft selbstbewusst der andere, führten vor, wie eine Islamreform gehen könnte, die ein anderes Ziel verfolgt als die um politischen Einfluss buhlenden orthodoxen Islamverbände. Die wiederum bekämpfen erbittert den Professor aus Münster genauso wie den gelehrten Polemiker, und sie sind nicht die einzigen. Was wenig über Khorchide und Abdel-Samad aussagt, sehr viel jedoch über den Zustand unseres Landes, wo Islamkritik nur noch möglich zu sein scheint, wenn die Polizei Kritiker wie diese unter Schutz stellt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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