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Islam : Für den Geist der Aufklärung

Im Berlin-Neukölln wurde die neue Akademie eröffnet Bild: dpa

In der neu gegründeten „Muslimischen Akademie“ wird über Islam und Grundgesetz gesprochen.

          3 Min.

          Nicht nur in Frankreich versucht der Staat jetzt auf die Entwicklung des Islam im Lande Einfluß zu nehmen. Die „Bundeszentrale für politische Bildung“ trat am Mittwoch als „Kooperationspartner“ auf, als in Berlin die „Muslimische Akademie“ ihre Auftaktveranstaltung ausrichtete. Ort des Geschehens war allerdings kein Kongreßzentrum, auch kein neu errichtetes Akademiegebäude, sondern die „Werkstatt der Kulturen“ im Bezirk Neukölln, eine vergleichsweise bodenständige Einrichtung der örtlichen Integrationsarbeit.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Daß die neue Akademie kein Geld für Repräsentation hat, gehört selbst schon zu ihrer Standortbestimmung: Sie will sich allein mit privaten und öffentlichen Mitteln aus Deutschland und der Europäischen Union finanzieren, also nicht von islamischen Organisationen welcher Provenienz auch immer abhängig sein; auf der anderen Seite nimmt sie Geld von staatlichen Institutionen nur für einzelne Projekte, wohl auch, um bei Muslimen nicht in den Ruch der Fremdbestimmung zu geraten. Gleichwohl war Marieluise Beck, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, anwesend und wünschte sich, daß der hier veranstaltete Diskurs „erstens transparent, zweitens emanzipiert und drittens unabhängig“ sei.

          Akademie nach Modell der Bundeszentrale

          Welch einen Balanceakt diese Akademie bedeutet, die auf eine Anregung der früheren Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John zurückgeht, wurde im Lauf des Tages mehrmals deutlich. Der Vorsitzende des Trägervereins erwähnte, daß es bei einigen islamischen Vereinen Vorbehalte und Widerstände gegeben habe, da sie nicht in die Vorbereitung einbezogen waren. Nun aber saßen Delegierte von Milli Görüs, dem Zentralrat der Muslime und anderer Organisationen in den vorderen Reihen und hörten zu. Vierzehn Monate lang, sagte der Vorsitzende, hätten sich Muslime mit „Vertretern der Mehrheitsgesellschaft“ beraten, um eine Akademie nach dem Modell der Bundeszentrale und der kirchlichen Akademien zu entwerfen.

          Der Trägerverein besteht aus Muslimen, die in Deutschland leben, einige auch von deutscher Abstammung. Der Vorsitzende ist Abdul Hadi C. Hoffmann, der früher Referent in der Bundesgeschäftsstelle der CDU war und heute als PR-Berater, unter anderem für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, tätig ist. Hoffmann betonte, daß die Akademie „gelassen“ bleiben wolle; „Einseitigkeiten von 1400 Jahren christlicher Geschichtsschreibung“ könnten nicht von heute auf morgen korrigiert werden.

          Kein Angriff auf Islam

          Den Festvortrag hielt Muhammad S. Kalisch, der an der Universität Münster seit diesem Sommer als erster deutscher Lehrstuhlinhaber Lehrer für islamischen Religionsunterricht ausbildet. „Ich denke, wir Muslime sollten den Prozeß der Aufklärung in Europa anerkennen als etwas Positives“, sagte er mit einer Vorsicht, die erahnen ließ, daß damit nichts allgemein Geläufiges gesagt war.

          Nach einigen Beispielen, wie früher auch den christlichen Kirchen die Aufklärung zu weit gegangen sei, kam Kalisch auf ein strukturelles Problem der innerislamischen Debatte zu sprechen: „Muslime empfinden einen Angriff auf Muslime oft als einen Angriff auf den Islam.“ Er selber glaube daran, daß der Koran unverfälscht das Wort Gottes wiedergebe, aber er meine, alle Interpretation sei Menschenreflexion und daher nicht absolut; deshalb habe niemand das Recht, anderen vorzuschreiben, was der richtige Islam ist.

          „Individuelle Verifizierung“ des Glaubens

          Da es im Islam keine Kirche, keine allein entscheidende Instanz gebe, sei jeder Muslim auf die „individuelle Verifizierung“ seines Glaubens verwiesen. Er persönlich plädiere auch für eine historische Auslegung der Scharia, etwa bei der Bestimmung, daß ein weiblicher Zeuge weniger Geltung habe als ein männlicher. „Besteht für jede einzelne Ausführungsbestimmung Ewigkeitswert? Ich glaube nicht“, rief Kalisch und ging dann auf einige muslimische Zuhörer ein, die „jetzt skeptisch dreinschauen“.

          Er persönlich sei der Auffassung, daß das Grundgesetz dem Glauben nicht widerspreche, aber er wolle sich auch gerne mit konservativeren Auffassungen auseinandersetzen: „Darüber muß man diskutieren können, ohne daß einen gleich der Bannfluch des Unglaubens trifft.“ Einen offenen Widerspruch zu diesen Thesen gab es nicht. Man ahnte aber, welche diskursiven Abgründe sich bei dem hier angestrebten „Dialog“ auftun.

          Keine offene Kritik?

          Die Mahnung, anderen keine bestimmte Interpretation des Islam vorzuschreiben, wendete sich erst einmal gegen die exklusive Deutungsvormacht, die bestimmte dogmatische Gruppen beanspruchen. Aber sie könnte auch bedeuten, erst gar keine offene Kritik an anderen Positionen zu wagen, da diese immer als Kritik am Glauben selbst verstanden werden könnte.

          Dann gäbe es gar keinen rationalen Boden, auf dem man zu einer Verständigung kommen könnte. Aber dieser Abgrund gehört zur Debatte selbst, und ihn zu überwinden suchen ist gewiß aller Mühe wert. Im nächsten Jahr plant die „Muslimische Akademie“ Tagungen mit der Körber-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung.

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