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Islam : 1.300 Jahre Kontakt - Großbritannien und der Islam

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In einer Londoner Moschee Bild: dpa

Die frühen Handelsbeziehungen Englands nach Indien waren Grundlage der Masseneinwanderung auch von Moslems Mitte des 20. Jahrhunderts.

          2 Min.

          Seit 1.300 Jahren hat England Kontakt mit dem Islam. Dennoch müssen die bekennden Moslems in Großbritannien, etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung, gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen. Neulich auch mit den Fäusten.

          Wie Münzfunde belegen, hatte schon König Offa im 8. Jahrhundert kommerziellen Kontakt mit dem Islam. Die ersten Moslems auf britischem Boden wurden im 16. Jahrhundert registriert, und die Universitäten Oxford und Cambridge etablierten bereits vor 370 Jahren ihre Lehrstühle für Arabisch. Der Koran, 1649 ins Englische übertragen, wurde im gleichen Jahr nachgedruckt: Zeuge des wachsenden Interesse der Elite am Islam.

          Weltreich und Commonwealth

          Die Expansion des Britischen Weltreiches brachte islamische Studenten, Soldaten und Hausierer auf die Insel. Ab 1765 hatte sich die englische East India Company auf dem indischen Subkontinent breitgemacht, und 1885 erfasste “British India“ das heutige Indien, Pakistan, Bangladesch und Burma. Umgekehrt konnten die “Lascars“, moslemische Seeleute, Niederlassungen in britischen Häfen vorweisen. Als ihre wichtigste Aufgabe empfanden diese Pioniersbevölkerungen den Bau von Betstätten: Die erste britische Moschee wurde vor 1860 in Cardiff eröffnet.

          Diese frühen Entwicklungen bilden die Fundamente für die Masseneinwanderung der 1950er bis 1970er Jahre, die der 1947 erfolgten Teilung von British India in Indien und Pakistan, sowie der Abspaltung Bangladeschs folgte. Heute stammen knapp zwei Drittel der in Großbritannien ansässigen Moslems - insgesamt etwa 1,5 Millionen - von diesen Immigranten und ihren vor Ort geborenen Nachkommen ab. Neue Einwanderungsquellen sind neben dem Commonwealth Iran, Irak und Afghanistan, sowie europäische Länder.

          Seit 1997 im Unterhaus

          Nach dem Bau von Moscheen in Ballungsgebieten wie London und Glasgow wandte sich die islamische Gemeinde sozialpolitischen Zwecken zu: der Islamische Europarat hat sein Hauptquartier in London; 1997 wird der erste moslemische Abgeordnete ins Unterhaus gewählt, ein Jahr später die ersten Moslems in den Adelsstand erhoben. Damit erhielten sie zugleich Sitze im Oberhaus. 1998 schliessen sich islamische Organisationen zu dem Muslim Council of Britain (MCB) zusammen, der zum Sprecher der gemässigten Gemeinde wird.

          Diese Gemeinde wurde schon vor dem 11. September von tiefverwurzelten Problemen geplagt. De-Industrialisierung und Aufkommen der Dienstleitungsbranche trafen besonders die Immigrantengeneration hart. Selbst bei 16- bis 24-Jährigen liegt die Arbeitslosigkeit noch um gut 20 Prozent über der gleichaltriger Weißer. Die rechtsextremistische British National Party nützt zudem Gerüchte aus, moslemische Gemeinden bekämen höhere Sozialleistungen und Viertel mit überwiegend muslimischer Bevölkerung würden zu Sperrgebieten für Weiße, in der Hoffnung, sich als Anti-Immigrations-Partei politisch zu profitieren.

          Rassenunruhen

          Die Rassenkrawalle, die im Sommer im nordenglischen Bradford Schäden von über 100 Millionen Mark verursachten, sind Konsequenzen dieser von Rechtsextremisten geschürten und von der Bereitschaftspolizei ungeschickt gehandhabten Sozialsituation. Im Gegensatz zur älteren, resignierten Generation schlagen in Großbritannien gebürtige Moslems wenn nötig nämlich zurück.

          Offizielle Untersuchungen haben dem Bradforder Stadtrat Diskriminierung und der Londoner Polizei sowie dem schottischen Justizsystem institutionellen Rassismus nachgewiesen. Das lädt zum Selbstschutz ein, auch wenn Aufhetzung zum Glaubenshass seit neustem widergesetzlich ist. Zu alten Identitätsproblemen kommen seit dem 11. September neue. Spannungen zwischen westlichem Liberalismus und islamischem Patriarchat wurden vom Thema Bin Ladin überlagert. Die Moslemgemeinde fühlt sich heute von der - wenn auch nicht offen ausgesprochenen - Gleichsetzung von Islam und Fanatismus bedrängt.

          Die zweite Novemberwoche wurde in Großbritannien zur Islam-Bewusstseins-Woche erklärt. Das ist zu wenig, um die Haltung einiger jugendlicher Rebellen und vereinzelter Befürworter Bin Ladins definitiv von der Bedeutung des britischen Islams als toleranter Religion abzugrenzen. Es ist jedoch ein Anfang.

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