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IS-Propaganda in sozialen Netzwerken : Nach dem Attentat ein Schokoriegel

  • -Aktualisiert am

Ein Foto der dschihadaffinen Albaraka News, das per Twitter verbreitet wurde: Angeblich zeigt es IS-Kämpfer an der syrisch-irakischen Grenze. Bild: dpa

Mit seiner guten Organisation und seinem Reichtum lockt der IS junge Gotteskrieger an. Die Propaganda umfasst nicht nur Hetzschriften, sondern auch Fotos von Schokolade und Katzen.

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          Er habe jetzt mit der dritten Etappe begonnen, sagt der junge Mann im Youtube-Video. Er trägt Bart und Maschinengewehr und redet Deutsch, etwa so wie ein Fußballspieler im Interview, bloß mit arabischen Einwürfen. Erst habe er den Iman, den islamischen Glauben verinnerlicht, dann, auf der zweiten Stufe, sei er aufgebrochen, habe die Hidschra unternommen. Er sei ausgewandert auf der Suche nach einem Ort, an dem sich sein Glaube uneingeschränkt praktizieren lässt. Und das geht nur dort, wo die Scharia auch Gesetz ist.

          Der junge Mann im Video könnte auch ein Spielefanatiker sein, ein Cosplayer, einer jener Gamescom-Besucher, die in den Kostümen ihrer Lieblingshelden umherlaufen und von Levels, Cheats und Walkthroughs reden: „Allah hat mir die Schlüssel gegeben, die Türen geöffnet.“ Jetzt ist er im dritten Level, im Dschihad. Auf dem Weg dorthin hat er ein paar Brocken Arabisch gelernt und den Umgang mit Waffen. Den einen Endgegner gibt es nicht, sondern jede Menge, die am Wegesrand lauern. An erster Stelle stehen die Ungläubigen, allerdings recht dicht gefolgt von allen nicht-radikalen Muslimen, Schiiten im Besonderen, sowie anderen Terrororganisationen wie der Al Qaida.

          Der junge Mann mit Bart und Gewehr gehört zur Terrorgruppe Islamischer Staat. Erst war er Al Nusra-Mitglied, musste aber feststellen, dass dort „sehr viel Unfug geredet“ wird. Beim IS sei das ganz anders. Was wie Monty Pythons Diskussion im “Leben des Brian“ um die „Volksfront von Judäa“ klingt, beruht jedoch auf Tatsachen. Die Formulierung politischer Ziele des IS erschöpft sich eben nicht in Kampfgeschrei, sondern umfasst ganze Auflistungen von Attentaten in der Manier wirtschaftlicher Jahresberichte.  

          VIP-Treatment für die Kämpfer

          Zukünftige Dschihadisten werden mit Fakten angeworben, so heißt es auch im Video. Es ist nicht nur blinder, religiöser Fanatismus, der die Frischbekehrten antreibt, sondern auch Wissen: vor allem um die Wohlstrukturiertheit der Organisation. Allerdings spricht die Propaganda-Maschinerie neben dem Kopf auch das Herz an. Vor allem an den Teamgeist wird appelliert, der dem kämpferischen Unterfangen einen Hauch Pfadfindernostalgie verleiht. Oder, um im Bild zu bleiben, den Nervenkitzel eines Computerspiels wie Assassins Creed, in dem man als Nicht-Spieler den Kampf zwischen Assassinen, Sarazenen und Templern kaum überblicken kann. Die Brüderlichkeit der Gotteskrieger wird betont: „Wir sind eine Familie“, heißt es.

          Der Selbstvermarktung fehlt es auch nicht an Coolness: Es gibt Fotos von Waffen, auf denen sich Katzen um die Gewehrläufe räkeln. Teils posen auch die Krieger mit den Tieren im Arm, beinahe liebevoll, richtig friedlich wirkt das. Überliefert ist, dass Mohammed sich vor dem Gebet auch einmal mit Wasser wusch, von dem schon Katzen getrunken hatten. Ein Übriges tut der verbreitete Katzenvideo-Trend. Bei Twitter sind sie unter #catsofjihad zu finden.

          Bei Twitter werden Krieger mit Katzen als #catsofjihad getaggt.
          Bei Twitter werden Krieger mit Katzen als #catsofjihad getaggt. : Bild: Twitter

          Auch Bilder von Cola und Schokoriegeln kursieren in den sozialen Netzwerken und werden von den Kämpfern mit entsprechenden Kommentaren versehen: „I know I should thank Allah a lot for the various blessings that are here. Never imagined would eat snickers here”. Special Treatment also für die Kämpfer, alles für die Front. Davon abgesehen geistern aber auch Exekutionsvideos durchs Netz, in denen es nur ums Töten und Macht geht – für jene, die schon ein paar Level weiter sind.

          Soziale Netzwerke als Kriegstreiber

          Die Kanäle, auf denen die Propaganda betrieben wird, sind vielfältig. Oft können die Posts eines Blogs nicht nur gemailt, sondern per Button mit zehn verschiedenen Netzwerken geteilt werden. Natürlich sind Facebook, Twitter und Google plus dabei, aber auch Exoten wie Stumbleupon finden sich in der Liste. Besonders beliebt unter Dschihadisten ist außerdem justpaste.it – die Website von Mariusz Żurawek, einem polnischen Studenten. Auf justpaste.it können jegliche Inhalte ohne vorherige Registrierung mit anderen geteilt werden. Ein Freibrief, so scheint es, für den Upload gewaltverherrlichender Videos, Fotos und Schriften.

          Die Netzwerke reagieren unterschiedlich auf den Missbrauch zu Propaganda-Zwecken. Facebook sperrt hin und wieder Accounts, deren Affinität zur Waffengewalt insgesamt überdeutlich ist. Einzelne Posts aber dürfen, laut Facebook-Richtlinien, Gewalt darstellen, sofern sie mit einer entsprechenden Warnung versehen sind. Twitter löscht Benutzer auch aufgrund einzelner Beiträge. Die Netzwerke scheinen überfordert damit, plötzlich als unfreiwilliges Medium der Kriegstreiber dazustehen. Im Arabischen Frühling als Revolutionsmotoren gefeiert, bekommen sie jetzt zu spüren, was es heißt, wenn sich die dunkle Seite der Macht ihrer bedient.  

          Die subtile Propaganda des IS verlangt den sozialen Netzwerken eine Drahtseilnummer ab, der mit Richtlinien offenbar nicht beizukommen ist.

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