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Irlands Dichterpräsident : Die Ritter der Kokosnuss

  • -Aktualisiert am

Beitrag zur Fröhlichkeit der Nation: Irlands neuer Präsident Martin D. Higgins Bild: dpa

Irland hat einen Dichter gewählt. Schon im Wahlkampf hatte sich gezeigt, was wir von Präsident Michael D. Higgins erhoffen dürfen - Unterhaltung.

          Wir Iren lieben Dichter, auch wenn die meisten nur sehr vage Vorstellungen von dem haben, was ein Dichter eigentlich ist oder macht. Patrick Kavanagh sprach geringschätzig von der „stehenden Armee von zehntausend irischen Dichtern“, und Flann O’Brien behauptete, dass in Irland zehntausend Leute Gedichte schrieben, die von fünftausend gelesen würden. Unter Dichtung stellen sich die Iren vermutlich stilisiertes Reden vor, und darauf verstehen wir uns besonders gut. In der ganzen Welt sind wir für unser Mundwerk bekannt, ja berüchtigt. Die Meldung einer ausländischen Zeitung - „Älterer irischer Dichter zum Präsidenten gewählt“ - sollte uns also nicht überraschen.

          Und doch sind viele von uns verwirrt. Michael D. Higgins war ein solider Politiker, Mitglied der Labour-Partei und Linker (nicht unbedingt dasselbe) und in den neunziger Jahren einer der besten Kulturminister, die wir je hatten. Und er schreibt tatsächlich Gedichte. Was deren Qualität angeht, so wäre es freundlicher, sich in Anbetracht seines Sieges jeden Kommentars zu enthalten. Während des Wahlkampfs ließen es sich die Komödianten nicht nehmen, Higgins (Seamus Heaney zitierend) bei jeder Gelegenheit nachzumachen. Wir lachten - Präsident Higgins ist wunderbar leicht zu imitieren -, aber warum eigentlich? Wie viele Politiker gibt es, in Irland oder anderswo, die ein politisches Argument mit einer Metapher aus der Feder eines Nobelpreisträgers illustrieren?

          Sturz vor dem Zielstrich

          Der Präsidentschaftswahlkampf war diesmal sehr bemerkenswert, mitunter grotesk bis lachhaft. Sieben Kandidaten traten zunächst an, was bedeutete, dass bei den Fernsehdebatten ein ziemliches Gedränge herrschte und man sich an eine Parade der üblichen Verdächtigen erinnert fühlte. Michael D., wie er hierzulande einfach heißt, galt anfangs als Favorit, doch eine Woche vor der Wahl lag sein Rivale Seán Gallagher laut Meinungsumfragen unerreichbar in Führung - sofern nicht, wie die Kommentatoren erklärten, eine riesengroße Bananenschale unter Mr.Gallaghers Fuß auftauchen würde. Am Ende rutschte der arme Kerl tatsächlich aus, und im selben Moment fiel ihm auch noch eine gigantische Kokosnuss auf den einladend kahlen und polierten Schädel.

          Auf den letzten Metern gestrauchelt: Sean Gallagher

          Die Kokosnuss fiel aber nicht, sondern wurde sehr treffsicher geworfen, und zwar ausgerechnet von Martin McGuinness, dem stellvertretenden Ersten Minister von Nordirland und früheren Chef der Provisorischen IRA, der, ob Sie es glauben oder nicht, ebenfalls zu den Präsidentschaftsbewerbern zählte. Anlass war eine weitere Fernsehdebatte zwischen den Kandidaten, diesmal in „Frontline“, dem politischen Magazin, das von dem führenden irischen Fernsehjournalisten Pat Kenny moderiert wurde.

          Gallagher, Geschäftsmann und vormals Juror bei der Realityshow „Dragon’s Den“, wo junge Unternehmer im Kampf um Investitionen gegeneinander antreten, hatte Beziehungen zu Fianna Fáil, der einst allmächtigen Partei, die heute für die Immobilienblase und den Finanzcrash von 2008 verantwortlich gemacht wird. Gerüchte und Beschuldigungen, er sei insgeheim noch immer Parteigänger von Fianna Fáil, hatten ihn den gesamten Wahlkampf über begleitet. Und doch hatte er in den Meinungsumfragen seinen Vorsprung immer weiter ausbauen können. Den Grund dafür vermutete man in seiner Bekanntheit als Fernsehfigur und in der allgemeinen Abscheu vor der „alten Politik“, die selbst auf den liberalen und versöhnlichen Michael D. abfärbte. Mr.Gallagher schien auf dem besten Weg in den Park, wie man hier sagt - gemeint ist Áras an Uachtaraín, der Amtssitz des Staatspräsidenten im Dubliner Phoenix Park.

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