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Iris Därmann im Gespräch : Aufstand der sozialen Toten

  • -Aktualisiert am

Treffen einiger ehemaliger Sklaven im Jahr 1916: Lewis Martin, hundert Jahre alt, Martha Elizabeth Banks, 104 Jahre alt, Amy Ware,103, und Reverend Simon P. Drew, der als freier Mann geboren wurde. Bild: Picture-Alliance

Hungerstreik, Schlaflosigkeit, Flucht, Träumen: Iris Därmann erzählt in ihrer Studie „Undienlichkeit“ eine Geschichte des passiven Widerstands gegen Gewalt und Sklaverei seit der Antike. Ein Gespräch.

          6 Min.

          In ihrer Studie „Undienlichkeit“ erzählt Iris Därmann von Praktiken des Widerstands von der Antike bis zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Wo Menschen, gefesselt und ausgepeitscht, selbst der kleinste Bewegungsspielraum fehlte, konnten sie sich oft nur in verzweifelten Akten der Selbstverletzung wehren. Därmann, die Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, setzt diese Praktiken in Kontrast zur politischer Philosophie von John Locke und Carl Schmitt. Und zeigt: Täter- und Opfergeschichten lassen sich nicht trennen.

          Woher kommt der angenehm uneingängliche Titel „Undienlichkeit“?

          Mir ging es darum, eine möglichst dichte Wahrnehmung der „body politics“ jener Menschen zu erzeugen, die versklavt, gefoltert und rassistisch erniedrigt worden sind und in Situationen extremer Gewalt und Unfreiheit ihre eigenen widerständigen Handlungsformen erfunden haben. Das ist auch mein Einsatzpunkt in der Rekonstruktion der Allianz von Gewaltgeschichte und politischer Philosophie. Ich wollte diese Geschichte nicht aus der Sicht der Täter oder der Legitimatoren der Gewalt schreiben, sondern aus der Perspektive derer, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und zugleich Widerstandsformen des Sich-undienlich-Machens praktiziert haben, um den Gewalträumen etwas entgegenzusetzen.

          Ist für Sie die politische Philosophie von Anfang an mit der Gewaltgeschichte verbunden – bis heute?

          Es geht mir nicht um die politische Philosophie im Ganzen. Ich habe über Fallgeschichten versucht herauszufinden, welche Philosophen sich mit bestimmten Gewaltformen alliiert haben. Die Geschichte der Versklavung hat nicht erst mit dem transatlantischen Sklavenhandel in der ersten Hochphase des globalen Kapitalismus begonnen, sondern schon in der Alten Welt. Es ist schon auffällig, dass diejenigen Philosophen, die wir als Begründer der europäischen Philosophie ansprechen, nicht nur selbst Sklaven gehalten haben, sondern auch in ihren politischen Traktaten eigene Ratgeberliteratur zur Dressur von Sklaven verfasst und Konzepte entwickelt haben, wie man unter Beherrschung des eigenen Zorns auf effiziente Weise Menschen zu Sklaven, zu Besitz, zu lebenden Werkzeugen und zu Dienstleistern, auch im sexuellen Sinne, macht.

          Menschen als Besitz: Römische Statue eines schwarzen Knaben, 2. Jahrhundert nach Christus.
          Menschen als Besitz: Römische Statue eines schwarzen Knaben, 2. Jahrhundert nach Christus. : Bild: Picture-Alliance

          In der Geschichte der neuzeitlichen politischen Philosophie gibt es einige prominente Akteure wie Thomas Hobbes, der Aktionär der Virginia Company war und sehr genau Bescheid wusste über die koloniale Landnahme in Virginia. Wir können auch an John Locke denken, der Aktien der Royal African Company besaß und in Carolina in der Kolonialverwaltung engagiert war. Beide waren philosophische Denker der Gleichheit und der Versklavung. Aber auch die Unterlassungen sind aufschlussreich: Rousseau, der in seinem „Gesellschaftsvertrag“ fragt, wie die Menschen aus der Sklaverei befreit werden können. Er meint jedoch nicht die versklavten Afrikanerinnen und Afrikaner in der französischen Karibik, sondern die Bürger und Bürgerinnen Frankreichs. Er hat sich nie gegen den Code Noir ausgesprochen, das von Ludwig XIV. 1685 erlassene Dekret, das die gewaltsame Behandlung der Versklavten in den Kolonien gesetzesförmig machte. Er hat, anders als die „Amis des Noirs“, nie ein Wort gegen die Sklaverei in den Kolonien gesagt. Für Karl Marx wiederum sollte die Revolution weiß und proletarisch sein, nicht transatlantisch. In seinen journalistischen Artikeln und politisch-ökonomischen Schriften hat er die Haitianische Revolution und alle Praktiken der Selbstbefreiung, über die er gut unterrichtet war, weitgehend marginalisiert. Er hat sie nicht als relevant angesehen für die „totale Revolution“, die die gesamte Menschheit befreien sollte.

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