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Iran-Trump-Kommentar : Persien für immer

Irans Außenminister Dschawad Zarif. Bild: dpa

Leere Drohung gegen historische Überlegenheit: Auf einen plumpen Tweet von Donald Trump antwortet der iranische Außenminister lässig: Wir waren schon immer da.

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          Dass auf Twitter, dem aufpeitschenden Kurznachrichtendienst, der lange Atem der Geschichte beschworen wird, überrascht.  Aber Dschawad Zarif, der iranische Außenminister, zeigte sich nicht nur als persischer Ironiker, sondern auch als ein an Oswald Spengler geschulter Geschichtsphilosoph, als er, eine in Großbuchstaben verfasste Attacke Donald Trumps parierend, ebenfalls in Großbuchstaben antwortete: „Sie sehen uns unbeeindruckt.“ Um dann, die Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte entwerfend, in seinem Tweet fortzufahren: „Uns gibt es schon seit Jahrtausenden, und wir haben den Untergang von Imperien gesehen, unser eigenes eingeschlossen, die länger währten als die Existenz mancher Länder.“

          Mit ein paar Dutzend Zeichen ist man in den Tiefen der persischen Geschichte gelandet. Irans Außenminister legt es darauf an, aus dem Anciennitätsprinzip (uns gab’s schon immer) eine metaphysische Stabilitätsgarantie (uns wird’s auch weiter geben) für sein Land abzuleiten, zulasten des notorisch geschichtslosen Amerika. Das ist es, was Spengler als kulturmorphologisches Verfahren empfahl: den „Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden zu richten, wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will“.

          Mit solch langem Atem der Geschichte nimmt Zarif den Wind aus Trumps Tweet. Das Perserreich hat schon Imperien kommen und gehen gesehen zu Zeiten, als in Amerika noch die Paläoindianer das Sagen hatten, die europäische Kolonialisierung und in der Folge die Gründung der Vereinigten Staaten jedenfalls noch lange auf sich warten ließen. Das, was der persische Politiker damit dem amerikanischen Präsidenten in Großbuchstaben zu verstehen gibt, ist, dass die Zeit von Trumps Imperium bereits abgelaufen ist, auch wenn dies noch nicht sichtbar sein sollte oder gar eine zweite Amtszeit dieses Präsidenten folgen könnte.

          „Gibt es eine Logik der Geschichte?“, fragt Spengler in der Einleitung zu seinem Abendland-Buch. „Gibt es jenseits von allem Zufälligen und Unberechenbaren der Einzelereignisse eine sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist?“ Zarifs Tweet beantwortet diese rhetorische Frage Spenglers indirekt mit „ja“. Der iranische Außenminister kann dabei an das Stereotyp vom oberflächlichen Amerikaner anknüpfen, welches sich eben nicht nur als keep smiling äußert, sondern als Erfüllung einer historischen Tiefengrammatik, die für Amerika den Untergang, die abgelebte Mission vorsieht, für Iran das Überdauern.

          Hier spricht sich ein parapolitisches, mythisch verfasstes Selbstbewusstsein aus, das in die Leere von Trumps Dealmaker-Ideologie hineinstößt. Es ist offenbar ein gewaltiger Unterschied im Drohgehalt, ob man bloß von Konsequenzen bellt, „die nur wenige in der Geschichte jemals zu spüren bekommen haben“ (Trump), oder ob man, wie ein Persien für immer, die Geschichte auf seiner Seite weiß.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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