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Kunst und Literatur in Teheran : Unter Druck entstehen Diamanten

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Unruhe spricht aus diesen Werken

Ungewöhnliche, nicht mehr mit dem wohlfeilen Raster des Orientalismus zu erfassende Geschichten erzählen ebenso die filigranen Zeichnungen und Drucke von Amirkasra Golrang. Die Akribie und das Raffinement der aus der islamischen Kultur bekannten nichtfigurativen Arabeske und Kalligraphie treffen beim 1983 geborenen Golrang auf zu Stillleben arrangierte Objekte aus westlichen Mode- und Einrichtungsmagazinen (Bettvorleger, Blumenständer, Designerstühle, Kleiderschränke, Paravents, Plüschkissen und wiederholt über Stuhllehnen und Betten geworfene Fuchsfelle), die in ihrer vermeintlich dekorativen Unschuld alles andere als „still“ sind, sondern eine die Formen sprengende Unruhe verbreiten. In diesen Bildern mischen sich westliche und östliche Vorstellungswelten über Orte privaten Rückzugs und der Entspannung, treffen Mode-Accessoires, die so unpolitisch sind wie nur möglich, auf eine iranische Öffentlichkeit, in der jede individuelle Geste – zum Beispiel das Abnehmen des Kopftuchs – und jedes der Kleidung hinzugefügte oder fehlende Detail mit Bedeutung aufgeladen sein und als politischer Akt aufgefasst werden kann. Golrangs neuestes Projekt: Den Abbildungen islamischer Heiliger wird der Nimbus christlicher Ikonen hinzugefügt, was weniger blasphemisch oder synkretistisch wirkt, als vielmehr darauf verweist, wie verschiedene schematisierte Darstellungsarten des Religiösen ähnliche darunterliegende Konzepte offenbaren.

Es ist generell reizvoll, die zahlreichen Transformationen und Wanderungen tradierter persischer Motive aus Malerei und Literatur in die Gegenwart zu verfolgen. Weder die Blumen, mit der Rose als orientalischer „Urpflanze“ im Zentrum aller Meditationen über Schönheit und Liebe, noch die Vögel oder Schmetterlinge, die schon die Verse Rumis und Hafez’ bevölkerten, sind aus der aktuellen Kunst und Poesie in Iran verschwunden; sie sind im neuesten Modedesign, auf Häusermauern oder in den buntgekachelten Metrostationen ebenso präsent wie in der aktuellen Kunst und Poesie, freilich meist nur verhalten angedeutet, seltsam gebrochen in Einzelstücken und Puzzleteilchen dargestellt, die es für Betrachter oder Leser auf neue Weise zusammenzudenken und zusammenzusetzen gilt – eine Gebrauchsanweisung gibt es nicht.

Teheran mit seinen Widersprüchen ist genau der richtige Ort für Kunst, weil sie dort mitten in einer Wirklichkeit entsteht, die am wenigsten perfekt zu sein scheint, während Kunst und Poesie von jeher den Anspruch von Perfektion erheben. „Beschwer dich nicht, wenn du vollkommen bist/ es gehört zu dir/ lässt sich schließlich nicht verbergen/ wie sehr du all die Dinge liebst/ wie sollte es auch anders sein“, heißt es in einem Gedicht von Sara Mohammadi Ardehali.

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