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Kunst und Literatur in Teheran : Unter Druck entstehen Diamanten

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Das ist kein Anachronismus, sondern die Aktualisierung eines Credos, das sich seit seinem Aufkommen bei den in Paris vor dem Ersten Weltkrieg um Guillaume Apollinaire gescharten Künstlern und Dichtern immer wieder bewährt hat – am wirkmächtigsten in den späten Fünfzigern bei der New York School um Frank O’Hara, Kenneth Koch und John Ashbery und den mit diesen Dichtern verbundenen Malern wie Jackson Pollock und Larry Rivers oder auch Andy Warhol. Wie in Apollinaires Paris und O’Haras New York spielen nun auch in Teheran private oder halböffentliche Galerien, mediale Crossovers zwischen Literatur und bildenden Künsten sowie enge persönliche Freundschaften eine entscheidende Rolle.

Die Verse der 1976 geborenen Sara Mohammadi Ardehali haben einen neuen sachlichen Ton in die Lyrik – traditionell Königsdisziplin der persischen Literatur – gebracht, der vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Mit einer für die bildreiche persische Tradition provokanten Schlichtheit und Präzision gelingt es Ardehali in wenigen Worten, das Alltägliche auf den doppelten Boden seiner Fremdheit und Rätselhaftigkeit hin abzuklopfen und es dennoch so eindringlich und zart anzusprechen wie ein unter Freunden geteiltes Geheimnis. Ein besonders schönes Beispiel für die Herstellung poetischer Öffentlichkeit im Privaten bietet die Zusammenarbeit Ardehalis mit der 1983 geborenen Malerin Farima Fooladi. Im Winter 2011 zogen sich die beiden Frauen auf das weitläufige, anderthalb Stunden westlich von Teheran in den Bergen gelegene Gartengrundstück der Familie der Dichterin zurück. Mit Teheran zu Füßen, hatten sie vor dort Tische aufgestellt, an denen beide simultan ihren Tätigkeiten nachgingen; während der Pausen schauten sie sich das Entstandene an, dessen Spiel von Nähe und Distanz.

In einem Gedicht von Sara Mohammadi Ardehali, das dem aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangenen Buch vorangestellt ist, kommt der Kontrast zwischen der entrückten ländlichen Perspektive und der Großstadt, deren Kulisse trotzdem Blick und Bewusstsein dominiert, zum Ausdruck: „Ich drehe mich// der Länge nach/ die Sonne und ich/ schlafen im Dorf// der Wind flieht/ am Rand des Wassers/ zwischen Kirschen und Aprikosen hin – //mein verehrter Wiedehopf / wie komme ich bloß nach Teheran zurück –// du sitzt in einer fliegenden Untertasse/ verlierst dein Raumzeug über der Hemmat-Autobahn/ gleich/ wird alles auseinander fliehn// wie hoch ist die Miete für dein Haus/ wie viel Kohle bringt dir das/ warum schaltest du dein Handy aus/ wieso kommst du Montag nicht// ich sollte/ mich zur Grille machen/ in die Stadt gekommen/ damit man die Saiten ihrer Setar stimmt.“

Die Malerin Farima Fooladi lebt inzwischen in den Vereinigten Staaten, wird von der in Teheran und New York vertretenen Shirin Galerie repräsentiert und konnte im vergangenen Jahr ihre Zusammenarbeit mit der Dichterfreundin unter dem Titel „Displacement“ an der Pennsylvania University ausstellen. Sara Mohammadi Ardehali blieb dagegen in Teheran und versucht, den Aberwitz des Stadt-Molochs nun auch in einen Roman und Kurzprosa zu bannen.

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