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Iran : Teheran wartet auf das große Beben

  • -Aktualisiert am

Shopping in Teheran Bild: AP

Wir und diese unerträgliche Realität: In Iran herrscht das Denken der Vergangenheit, doch die Welt dreht sich weiter. Die Gesellschaft, die moralisch bleiben will, bekämpft erfolglos Korruption, Prostitution und Organhandel.

          Vor kurzem erschütterte ein schwaches Erdbeben Teheran. Die Menschen stürzten aus Furcht vor nachfolgenden Beben auf die Straßen, und plötzlich stellte sich heraus, daß sie keinen Zufluchtsort haben, weil in vielen Gegenden Teherans keine Grünflächen existieren. Zugleich entbrannte in persischen Tageszeitungen eine Diskussion über die faktische Gefahr, die von den zahlreichen Verwerfungen ausgeht, auf denen die Stadt mit ihren elf Millionen Einwohnern liegt.

          Das Ereignis war in aller Munde, und die Diskussionen speisten sich gelegentlich aus den furchterregenden apokalyptischen Szenarien der Fachleute, die nach dem Muster von Katastrophenfilmen über Begleiterscheinungen wie Großbrände, zerstörerische Überflutungen, einstürzende Wolkenkratzer, umstürzende Masten der Hochspannungsleitungen (die an manchen Orten Teherans die Stadtautobahnen überqueren), blockierte städtische Highways und millionenfache Opfer sprachen.

          Krankhaftes Vergnügen

          Die Mehrheit der Bevölkerung bekundet ein krankhaftes Vergnügen an diesen Diskussionen, als wolle sie durch ständige Wiederholung das Ausmaß der Katastrophe verstärken. Die dadurch entstandene Eintracht und Empathie zwischen den Bewohnern Teherans ist augenscheinlich mit einer sonderbaren Ausgelassenheit verbunden. Das darf allerdings nicht weiter verwundern, sind doch in unserer Kultur Tod und Erlösung einander eng verwandt, weshalb bisher auch kaum jemand etwas zur Eindämmung der Gefahren unternahm.

          Zwischen Chamenei und Khomeini: Gedenkfeier zum 15. Todestag Khomeinis im Juni 2004

          Zwei, drei Wochen später sagte ein Seismologe bei einem Seminar, das sich mit Vorkehrungen zur Senkung der Opferzahlen bei potentiellen weiteren Erdbeben beschäftigte: "Teheran gleicht einer Person mit fortgeschrittenem Krebs, die alle Ärzte aufgegeben haben." Seine Worte enthielten mithin eine deutliche Botschaft: Von nun an würden nur noch Beschwörungen, Gebete oder Zaubersprüche helfen.

          Ergebenheit und Demut

          In vergangenen Zeiten (allerdings sind diese für uns noch keineswegs vergangen) galt ein Erdbeben als vom Himmel gesandtes Geschick, dem sich die Menschen vollkommen schutzlos ausgeliefert wähnten, weswegen sie sich auch nicht sonderlich anstrengten, um die zerstörerischen Folgen einzudämmen. Diese Haltung der Ergebenheit und Demut hatte eine tröstliche Wirkung auf die Seele des iranischen Menschen.

          Was die Fortschritte in Wissenschaft und Technik betrifft, mit deren Hilfe sich die Entwicklung eines Erdbebens, gefährdete Zonen und die ungefähre Stärke einer Erschütterung feststellen lassen, so ist der einzige Nutzen, den der iranische Mensch daraus zieht, eine tiefe und schmerzliche, aber vorübergehende Erregung. Jedoch ergreift er keine vorbeugenden Maßnahmen zur Verringerung der Folgeschäden.

          Versteigerung von Mädchen

          Die Debatten über das Teheraner Erdbeben waren noch nicht verstummt, als eine Nachrichten-Website die nächste Katastrophe verkündete: In den kommenden Tagen würden iranische Mädchen, Jungen und Frauen in Fujeirah, einem Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate, versteigert. Der iranische Botschafter in den Arabischen Emiraten, der Teheraner Regierungssprecher und die Befehlshaber der Sicherheitskräfte dementierten diese Nachricht vehement.

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